Tanka und Prosa

Im Westen kaum verbreitet, ist die Verbindung von Prosa und Lyrik in Japan gang und gäbe. Vorläufer der mit Tanka verflochtenen Prosa waren Gedichtüberschriften. Anhand einiger Beispiele zeigt dieser Aufsatz, wie Tanka in Prosa eingebunden werden können.

Monogatari: Vom Märchen bis zum Roman

Der Begriff monogatari bedeutet "Sachen erzählen" und umfasst so verschiedene Genres wie Märchen, Geschichtensammlung und Roman. Liegt das Hauptaugenmerk auf darin enthaltene Tanka, ist das Werk ein uta-monogatari, und somit eine "Lied"-Erzählung.

Das Märchen vom Bambussammler

Die älteste überlieferte Erzählung ist die Geschichte vom Bambussammler (Taketori monogatari, 9. Jh.), ein glanzvoll strukturiertes und schwungvoll geschriebenes Märchen. Es handelt davon, wie ein alter Mann in einem Bambusrohr eine kleine leuchtende Gestalt findet. Es ist ein winziges Mädchen, das er mit seiner Frau liebevoll aufzieht. Von da an findet er im Bambus immer wieder Gold, so dass seine Not ein Ende hat. Die kleine Kaguyahime wächst in kürzester Zeit zu einer heiratsfähigen Schönheit heran. Viele Brautwerber verdrängen sich vor dem Haus, aber das Fräulein will nicht einen erhören.

Fünf sehr ausdauernde Verehrer hohen Ranges wollen sich nicht geschlagen geben. Deshalb stellt Kaguyahime den Männern menschenunmögliche Aufgaben; alle sollen ihr einen sagenhaften Gegenstand besorgen: Buddhas Steinschale, einen Edelsteinzweig vom legendären Berg Hōrai, das unbrennbare Kleid aus dem Fell der Feuerratte, den Edelstein vom Hals des Drachen und die Koyasu-Muschel der Schwalben. Jeder von ihnen versucht nach seiner Fasson dem Wunsch der Schönen gerecht zu werden, sei es mit List und Betrug. Von alledem wird nicht ohne Witz berichtet. Zu Kaguyahimes Erleichterung versagen die Heiratskandidaten entweder kläglich oder ihr falsches Spiel wird aufgedeckt.

Der Kaiser hört von der unerbittlichen Schönen und will sie zur Frau nehmen. Sogar ihm verweigert sich Kaguyahime, denn sie gehört dem Mondvolk an, war zur Strafe auf die Welt geschickt worden und soll bald heimgeholt werden. Das betrübt sie nun sehr, aber nicht einmal die Krieger des Kaisers haben die Macht, es zu verhindern. Voller Mitleid für ihre Zieheltern nimmt Kaguyahime Abschied, legt ein Federkleid an und steigt mit ihrem Volk zum Mond hinauf. Sie hinterlässt zwei Briefe, einen für den Bambussammler, den anderen – mit dem Trank der Unsterblichkeit – für den Kaiser. Jener will den Trank nicht, erscheint ihm das Leben jetzt doch zu traurig, und ordnet an, ihn mit seinem Antwortvers auf dem Berg Fuji, der dem Himmel am nächsten ist, zu verbrennen.

Die im Märchen enthaltenen Tanka sind dem durchdachten Plot untergeordnet und ganz auf dessen Kontext angewiesen. Sie verwenden überwiegend Bildmaterial aus dem Märchen, etwa wenn ein Freier in seinem Tanka beteuert, er wäre, hätte er auch sein Leben sinnlos eingebüßt, nicht zurückgekehrt ohne den Edelsteinzweig mitzubringen. Kaguyahime antwortet in ihrem Vers spitz, der einzige Schmuck des Zweiges bestehe aus Worte. Die Tanka entsprechen zumeist dem im realen Leben üblichen Tanka-Dialog, nur sind die Gedichte gelegentlich durch Prosa voneinander getrennt. Sie sind insbesondere an den Stellen eingefügt, wo die Dramatik sich zuspitzt und gleichzeitig Mann und Frau aufeinandertreffen, wo etwa Verehrer mit ihren gefälschten Geschenken aufwarten und Kaguyahime diese prüft und mit einem Antwortvers zurückgibt, wo sie Mitleid zeigt mit einem verunglückten Verehrer oder sich nach dessen Besuch vom Kaiser verabschiedet. Ein Tanka fügt sie zu guter Letzt ihrem Abschiedsbrief an den Kaiser bei, der daraufhin seine Antwort verfasst. Die Abschnitte des Märchens, die von den Unternehmungen und Listen der Verehrer berichten, kommen ganz ohne Tanka aus.

Die Geschichten aus Ise

Ganz anders gestaltet sich die Rolle der Tanka hingegen in den "Geschichten aus Ise" (Ise monogatari, 10. Jh.). Die meisten der überwiegend kurzen Episoden ranken sich um Liebesabenteuer des berühmten Dichters Ariwara no Narihira. Mal ist die Prosa eine kaum geänderte Gedichtüberschrift, mal deren Erweiterung. Dieses Ariwara no Narihira zugeschriebene Tanka mit der Gedichtüberschrift "Verfasst im Nagisa Palast, beim Anblick der Kirschblüten" erscheint als Nr. 53 im ersten Buch des Kokin Wakashū:

Wenn es sie doch
auf dieser Welt nicht gäbe,
die Kirschblüten,
wie unbeschwert könnte dann
das Herz im Frühling sein.

Ariwara no Narihira

In den Geschichten aus Ise ist eben dieses Tanka eingerahmt von einer längeren Episode über eine Falkenjagd mit anschließendem Trinkgelage. Gleich fünf weitere Tanka sind in der Geschichte eingebunden. Wer immer die Geschichtensammlung zusammengestellt hat, hat sich nicht gescheut, der Figur einer lüsternen Dame bekannte Verse der Ono no Komachi in den Mund zu legen. Ein weiteres berühmtes Tanka von Narihira, Nr. 861 aus dem 16. Buch des Kokin Wakashū, hat dort als Gedichtüberschrift "Verfasst als er krank und schwach war". In der letzten Episode der Geschichten aus Ise wird daraus lediglich (1):

"Einmal war da ein Kavalier, der lag krank darnieder, und als er fühlte, daß er sterben würde, sprach er das Gedicht:

Daß ich diesen Weg
wie oft ich von ihm gehört,
so von einem Tag
auf den anderen gehen muß –
ach, ich hätte es nie gedacht!"

Die Prosa ist der Lyrik also klar untergeordnet; die Sammlung ist ein uta-monogatari. Viele Geschichten beginnen mit "Es war einmal ein Kavalier", so dass man das Werk (bis auf einige Brüche) als Darstellung eines idealtypischen Kavalierlebens auffassen kann; ein durchgehender Erzählfaden, sofern man überhaupt von einem solchen sprechen mag, ist aber nur innerhalb der einzelnen Episoden erkennbar. Es sind die von den Tanka erzeugten Stimmungen, die im Mittelpunkt stehen. Diese Stimmungen, und – noch viel wichtiger! – wie sie in den beschriebenen Lebenslagen angemessen in Tanka Ausdruck finden, zeichnen die Sammlung aus und machten sie so beliebt. Denn dadurch eignete sie sich hervorragend als Leitfaden für die Leserschaft, die sich mit eigenen Tanka jedem Anlass gewachsen zeigen wollte.

Die Geschichte des leuchtenden Prinzen Genji

Der höfische Roman Genji monogatari ("Die Geschichte des leuchtenden Prinzen Genji", um 1002) von Murasaki Shikibu, enthält ebenfalls eine beachtliche Zahl Tanka: Es sind an die 800! Die Handlung, deren Darstellung hier den Rahmen sprengen würde, die aber Genjis Werdegang schildert und sich um Liebschaften und Intrigen rankt, steht im Vordergrund. Die Tanka sind den Charakteren geradezu auf den Leib gedichtet. Dem Umfang und der Psychologie des Werkes zum Trotz: Im Gegensatz zur Dichtung galt Prosa zu jener Zeit als belanglos, ja sogar frivol, was im übrigen niemanden davon abhielt, sie mit Genuss zu lesen! Es waren die Tanka und der Geist des mono no aware, die das Werk erst beachtenswert machten. Schließlich – so die Argumentation – kämen Gedichte aus dem Herzen, während Fiktion eine eitle Zeitvergeudung sei, bestenfalls etwas für Frauen und Kinder.

Fiktionale Prosa war also einerseits (siehe Ise monogatari) durchaus geeignet, Versen einen Kontext und somit mehr Substanz zu verleihen, andererseits betrachtete man die im Rahmen des Romans verfassten Tanka als aufrichtiger und wertvoller als die sie umgebende Prosa, ein Amalgam aus Fiktion, verschlüsselten historischen Begebenheiten und Gerüchten, das man für sehr unterhaltsam aber eben doch verwerflich hielt.

Die Welt des leuchtenden Prinzen ist der (historischen) Wirklichkeit um vieles näher als die des Bambussammlers. In dem Roman werden aus anderen Quellen bekannte Tanka kurz zitiert oder abgewandelt. In einem Kapitel über einen Bilderwettbewerb spielt sogar die obengenannte Geschichtensammlung eine Rolle. Und dort, wo eine Romanfigur nicht auf ein Tanka des Helden antworten mag und dennoch die Form wahren muss, lässt die Autorin sie schlicht ein passendes Gedicht der Dame Ise als Antwort übermitteln.

Nikki: "Tagebücher" und mehr

Nikki bedeutet Tagebuch. Jedoch werden manche monogatari gelegentlich als nikki bezeichnet – und andersherum. Teile einer privaten Lyriksammlung können ebenfalls so arrangiert und vielleicht mit Erläuterungen ausgestattet sein, dass sie wie ein Tagebuch wirken und nikki genannt werden.

Das Tosa Nikki

Es waren Männer, die im 8. Jahrhundert die ersten Tagebücher führten. In chinesischer Schrift hielten sie darin Ereignisse formeller Natur fest. Aufzeichnungen persönlicher Art waren in diesen Schriften fehl am Platze. Das mag auch an der gewählten Sprache gelegen haben, in die nur die wenigsten sich so auszudrücken vermochten wie in der Muttersprache. 935 schrieb Ki no Tsurayuki, ein Kompilator des Kokin Wakashū, ein Kunst-Tagebuch in japanischer Schrift – und zwar so, als wäre es von einer Frau verfasst worden. Dieser Kunstgriff ermöglichte es ihm, in einem anderen Stil, emotionaler und über persönliche Erfahrungen zu schreiben. Wie hätte er auch auf Chinesisch von einer Reise zurück in die Hauptstadt berichten können, die ihn weg von sein dort geborenes und in der Fremde gestorbenes Töchterchen führte?

Das Tosa Nikki untermauert Tsurayukis im Vorwort des Kokin Wakashū vorgebrachte These, dass in allem ein Lied schlummere und die Kunst des japanischen Gedichts es jedem ermögliche, ganz selbstverständlich davon zu singen. In seinem Tosa Nikki kommen tatsächlich die unterschiedlichsten Figuren mit Tanka zu Wort: feine Damen, ein Schiffskapitän, Kinder usw. Schon Jahrzehnte vor Murasaki Shikibu achtete Tsurayuki darauf, dass der Stil der Tanka zu seinen Figuren passte. Deshalb kommen auch mislungene, einfache und schier langweilige Tanka vor. Die weibliche Ich-Person gibt ihre Meinung zu diesen Versen und berichtet von den Reaktionen der Mitreisenden: Tanka-Kritik!

Tagebücher von Frauen

Eine Reihe recht unterschiedlicher (Kunst-)Tagebücher wurde tatsächlich von Frauen verfasst. So lebte um 980 eine Edelfrau, die im Kagero nikki über die Beziehung zu ihrem rücksichtslosen Ehemann berichtete. Das Sarashina nikki (um 1021) weist dagegen große Lücken auf und ist noch deutlicher aus der Rückschau geschrieben. Es beschreibt Erinnerungen an eine Reise und schildert u.a., wie die Autorin als junges Mädchen die damaligen Erzählungen entdeckte und sich in späteren Jahren der Religion zuwandte. Solche Tagebücher beschäftigten sich fast ausschließlich mit der höfischen Kultur. Auch von Hofdamen wie Murasaki Shikibu, die den ersten Roman verfasste, und Izumi Shikibu, die für ihre glutvollen Liebesgedichte berühmt war, existieren Tagebücher. Letzteres gilt als uta-nikki (Gedicht-Tagebuch), weil es besonders viele Tanka enthält. Es ist – wiederum ungewöhnlich für ein Tagebuch – in der dritten Person geschrieben.

All diese Werke wurden insgesamt stärker gestaltet, als wir es von einem Tagebuch erwarten. Eigentlich sind manche unvollständige, teils fiktionalisierte Autobiografien. Wo es keine täglichen Notizen gab, brauchte die Prosa einen anderen Rahmen. Eine Liebesbeziehung (wie im Izumi Shikibu nikki), eine Reise oder die Schilderung eines Lebensabschnitts gaben diesen her. Die Tanka in diesen Werken dokumentieren Briefwechsel, dienen als direkte Rede, besingen Landschaften, vertiefen Stimmungen und zeugen nebenbei von der Belesenheit ihrer Autoren.

Schlussbemerkung

Natürlich hat es Auswirkungen auf die Prosa, wenn sie häufig von Gedichten unterbrochen wird. Ihre Sprache passt sich dem Stil der Tanka etwas an, muss letztlich auch eleganter und dichter werden, damit der Text den steten Wechsel verkraftet und nicht zerfällt. Das Einbeziehen von Lyrik trug also zur Stilisierung der Prosa bei. Einige Jahrhunderte später knüpfte der Haikai-Dichter Matsuo Bashō an die (Reise-)Tagebuch-Literatur an und fand in seinen Haibun eine ganz neue faszinierende Art, Lyrik und Prosa zu verbinden. Er brachte beide in ein kunstvolles Gleichgewicht. Seine eigenständigen Verse vertiefen die verdichtete Prosa und führen sie nach bester Art der Kettendichtung assoziativ weiter. Dieses "link and shift" stellt eine gute Ausgangsposition dar, um hier und heute Prosa mit Tanka zu verbinden. Tanka-Dialoge, die unseren Gepflogenheiten so gar nicht entsprechen, wirkten hingegen eher als Fremdkörper, es sei denn, es gelänge, sie stilistisch überzeugend z.B. in einen modernen Briefwechsel oder ein modernes Märchen einzubinden.

Literatur

  • Hisako Matsubara: Die Geschichte vom Bambussammler und dem Mädchen Kaguya. Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1968
  • Horst Arnold-Kanamori: Klassisches Japanisch VI. Taketorimonogatari. Die Erzählung vom Bambussamler. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2003
  • Oscar Benl: Liebesgeschichten des japanischen Kavaliers Narihira aus dem Ise-monogatari. Hanser Verlag München 1957
  • (1) Siegfried Schaarschmidt: Das Ise-monogatari: Kavaliersgeschichten aus dem alten Japan. Insel-Verlag Frankfurt 1981
  • Peter Olbricht: Ki no Tsurayuki, Elegische Heimreise, Ein japanisches Tagebuch aus dem Jahre 935. Insel-Bücherei 2001
  • Satoshi Tsukakoshi, Tadayoshi Imaizumi und Max Niehans: Kagero nikki. Tagebuch einer japanischen Edelfrau ums Jahr 980. Max Niehans Verlag Zürich 1955
  • Horst Hammitzsch: Sarashina-nikki. Tagebuch einer japanischen Hofdame aus dem Jahre 1060. Aus dem Japanischen übersetzt von Ulrich Kemper, Reclam Stuttgart 1966
  • Frits Vos: Als dauw op alsembladeren. Het levensverhaal van een Japanse vrouw uit de elfde eeuw, (Sarashina nikki). Meulenhoff Amsterdam
  • Ivo Smits: Izumi Shikibu, Jouw koude hart zwijgt. Memoires. Uitgeverij Contact Amsterdam / Antwerpen 1995
  • Earl Miner: Japanese Poetic Diaries. University of California Press, Berkeley and Los Angeles 1969
  • Nelly u. Wolfram Naumann: Die Zauberschale. Erzählungen vom Leben japanischer Damen, Mönche, Herren und Knechte. Carl Hanser Verlag 1973
  • Arthur Waley: The Tale of Genji. A Novel in Six Parts by Lady Murasaki. George Allen & Unwin LTD London 1935
  • Murasaki Shikibu; Jane Reichhold u. Hatsue Kawamura (Ü.): A String of Flowers, Untied... Love Poems from The Tale of Genji. Stone Bridge Press Berkeley, California 2003
  • Raud Rein: The role of poetry in classical Japanese literature: a code and discursivity analysis. Eesti Humanitaarinstituut Tallinn 1994

Websites

Erstellt am 28.12.2004 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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