Vergissmeinnicht – Ein Balanceakt

Man braucht die Tankaprosa "Vergissmeinnicht" gar nicht zu lesen, um ihr Haupt-Gestaltungselement ausfindig zu machen; schon ein flüchtiger Blick verrät die Prosa-Umarmung. Das Tanka des Stückes ist in Prosa eingefasst: Ein Absatz geht ihm voraus, ein weiterer folgt. Als ich "Vergissmeinnicht" 2006 schrieb, war diese Variante der Basiseinheit aller Tankaprosa (ein Tanka, ein Absatz) meine erste Wahl. Aus gutem Grund: Es ist eine solide Struktur, die Stabilität nicht nur suggeriert sondern auch verleiht – genau was ich als Gegengewicht zum Inhalt und zu dessen Illustration brauchte.

Das Stück handelt vom stillschweigenden Einverständnis zweier Fremder, die um ihr seelisches Gleichgewicht ringen. Ich kam auf dieses Thema durch eine Beobachtung in der nahegelegenen Altstadt Mindens. Da ich mich damals in meiner Erkundung der Tankaprosa von der Anekdote zum Märchen bewegen wollte, war es mir anfangs gar nicht recht, in der ersten Person zu schreiben. Aber diese Erzählperspektive drängte sich geradezu auf und versprach "Vergissmeinnicht" den richtigen Rahmen zu bieten. Und so beginnt das Stück mit einer Eröffnung:

Ich habe etwas entdeckt, das es mir erleichtert, im samstäglichen Getummel Besorgungen zu machen: In einem tiefen Hauseingang zwischen Ober- und Unterstadt steht neuerdings eine Blumenfrau.

Damit sind Ort und Personen der Handlung eingeführt. Aber was für eine merkwürdige Aussage! Ich hoffte damit von vornherein die Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln. Wer würde wohl eine solche Aussage machen, und welcher Plan würde eine Blumenfrau einschließen? Zudem konnte ich so gleich ein Gefühl von Zeit ("im samstäglichen Getummel") und Raum ("In einem tiefen Hauseingang zwischen Ober- und Unterstadt") vermitteln. Ich entwerfe gern ein Panorama in Tanka und Tankaprosa, und in diesem Fall spielen beide Dimensionen eine besondere Rolle. Wo die Ich-Person die Blumenfrau beschreibt, tritt der Trubel der Stadt in den Hintergrund:

Ihre Augen sind wasserfarben. Ihre Haut ist durchscheinend, ihr Haar, ein Bubikopf, nahezu weiß. Einen Stand braucht sie nicht; sie hat ja nur das eine Sträußchen dabei.

Die lebhafte Beschreibung und einlullende Wiederholungen dienen hier dazu, den Leser in eine märchenhafte Welt zu locken, in der die Zeit quasi aufgehoben ist. Details verleihen Glaubwürdigkeit, während Wiederholung einen unwiderstehlichen Sog erzeugt. Dreifache Wiederholung noch dazu, ist ein gängiges Stilmittel in Märchen. Und erinnert die Blumenfrau einen nicht entfernt an Hans Christian Andersens "Mädchen mit den Schwefelhölzern"? Wie jenes versteckt sie sich in einer Nische. Und wie jenes versucht sie sich zu wärmen, wenngleich an Blumen. Jedes Sträußchen erwärmt ihr Herz und hält ihren Glauben an eine verwandte Seele aufrecht.

Als nächstes lasse ich die Ich-Person schildern, wie sie es anstellt, sich der Blumenfrau zu nähern:

Kommt man von oben heran, sieht man sie nicht, und auch von unten her kaum – sie steht zu weit in der Türnische drin. Deshalb gehe ich langsam vom Markt her hinauf, bis sie in ihrer scheuen Art doch weiter hervortritt.

Diese Zeilen erzeugen einen dreidimensionalen Eindruck des Schauplatzes, während ihre Intonation das sorgfältige Manövrieren nahezu spürbar macht. Und wieder: Dies trägt zur Glaubwürdigkeit einer ansonsten seltsamen Episode bei. Aber das ist nicht alles. Der tiefe Hauseingang, die obere und untere Altstadt sowie die schiefe Ebene des Marktplatzes entsprechen der seelischen Verfassung der Akteure. Und alle Blicke und Bewegungen innerhalb dieser Koordinaten korrespondieren mit Versuchen das innere Gleichgewicht wiederzuerlangen. Die Kulisse ist das Thema – und die Komposition ebenfalls.

Der Ausdruck "im samstäglichen Getummel" im ersten Satz des Stückes wird von der Wendung "meinen Gang durch die rastlos summende Stadt" im letzten in etwa gespiegelt. Mit ihnen wollte ich das Stück einfassen und die ausbalancierte Struktur der Prosa-Umarmung betonen. Sie tragen auch zur Tempo-Änderung bei, denn der mittlere Teil erscheint nun umso ruhiger. Es ist wichtig, dass das Gedicht von Prosa umrahmt ist, nicht anders herum, denn diese Gestaltung unterstreicht die Aussage des Stücks: Sieh genau hin, dann findest du genug Poesie in der prosaischen Welt, um dein Herz zu wärmen und deine Seele ins Gleichgewicht zu bringen.

Das Tanka übernimmt die Rolle eines Sträußchens, das für die Blumenfrau spricht. Die Blumensprache war lange Zeit eine beliebte Art sich mitzuteilen, und in diesem Amalgam des Alltäglichen und Märchenhaften nimmt es nicht Wunder ihr zu begegnen.

Um Vergissmeinnicht
ein Band gewunden, zarter
als ein Flehen –
      die vielen blauen Stunden
      die ohne dich vergehen

Der Endreim (Flehen – vergehen) – zumal unterstützt von Binnenreim (gewunden – Stunden) und Alliteration – ist jedoch sehr ungewöhnlich in Tanka, wenn nicht gar verpönt. Für ein Gedicht, das aus einem Blumenstrauß aufsteigt, fand ich dieses Stilmittel trotzdem angemessen. Die vom Reim aufgerufene Stimmung war mir wichtiger als das Beachten etwaiger Regeln und Konventionen des Genres. Der Reim kommt zudem nicht unerwartet; die Wiederholungen, Klangqualitäten und Satzmelodie der vorhergehenden Prosa bereiten ihn vor, so dass er sich ganz natürlich ergibt.

Im abschließenden Absatz beschreibt die Ich-Person das Sträußchen als "seufzend", und tatsächlich, das Tanka ist voller Sehnsucht während ein weiteres Gebinde als "träumend" geschildert wird. Mit seiner Betonung von Sensibilität und Sehnsucht, seiner Mischung aus Prosa und Lyrik, Realität und Märchenhaftem, und seiner Anspielung auf die Blaue Blume der Romantik steht "Vergissmeinnicht" vielmehr in der westlichen als in der japanischen literarischen Tradition. Denn auch die westliche Literatur kennt gute Prosa mit lyrischen Einschüben; ganz offensichtlich in Märchen, aber ebenso als lyrische Passagen in romantischen Werken.

In späteren Tankamärchen bin ich einen Schritt weiter gegangen, indem ich etwa ein ekphrastisches Prosagedicht zu einem Märchen von Andersen schrieb ("Unter den Wellen"), ein gänzlich neues Märchen schuf ("Verlier mich und du bist verloren") und in der "Distelwolle"-Serie die Fabel erkundete. Wo Tiere und Pflanzen sprechen, tun sie dies in Tanka. Und manchmal beziehen sie sich sogar auf Gedichte aus Menschenhand, geschrieben vor vielen Jahrhunderten. Aber was ist schon Zeit?

Vergissmeinnicht

Ich habe etwas entdeckt, das es mir erleichtert, im samstäglichen Getummel Besorgungen zu machen: In einem tiefen Hauseingang zwischen Ober- und Unterstadt steht neuerdings eine Blumenfrau. Ihre Augen sind wasserfarben. Ihre Haut ist durchscheinend, ihr Haar, ein Bubikopf, nahezu weiß. Einen Stand braucht sie nicht; sie hat ja nur das eine Sträußchen dabei. Kommt man von oben heran, sieht man sie nicht, und auch von unten her kaum – sie steht zu weit in der Türnische drin. Deshalb gehe ich langsam vom Markt her hinauf, bis sie in ihrer scheuen Art doch weiter hervortritt. Still hält sie mir dann ihr Sträußchen entgegen. Aber nur kurz, damit ich's ihr nicht etwa nehme.

Um Vergissmeinnicht
ein Band gewunden, zarter
als ein Flehen –
      die vielen blauen Stunden
      die ohne dich vergehen

Heute ist's also ein seufzendes Sträußchen. Das vorige, mit den Waldanemonen, hat geträumt. Ein andermal waren kräftigere Blumen mit hineingewirkt; die Gebinde erinnern trotzdem immer an blaue Flecken. Die Frau spricht niemanden an. Und ich nehme ihr nicht ab, dass sie dort stundenlang ausharrt, um einen so kleinen Handel zu treiben. Nein, sie will ihre Blumen nur zeigen, und mir genügt ein kurzer Blick. Jetzt bin ich gerüstet für meinen Gang durch die rastlos summende Stadt.

Erstveröffentlichung in Haibun Today
Volume 5, Number 2, Juni 2011

Fußnote

"Vergissmeinnicht" wurde zuerst veröffentlicht in Haiku heute, September 2006

Erstellt am 07.01.2012

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