Another Garden: Tanka Writings

Jeffrey Woodward: Another Garden: Tanka Writings. Detroit, MI: Tournesol Books, 2013. Paperback, 180 Seiten. $12.95 USD, £8.50 UK, €10.00. Erhältlich über Amazon & Amazon Europe. ISBN: 978-0615892511.

Jenes andere Reich

Als junges Mädchen, aufgewachsen in einer fernen Gegend des Heian-zeitlichen Japan, hatte Takasues Tochter nur einen Wunsch: "Ich sehnte mich danach, das, was an 'Erzählungen' in dieser Welt umlief, kennenzulernen [...]" (1) In ihrem Sarashina nikki (2), ihren Memoiren, blickt sie zurück auf ihr Faible für Fiktion – insbesondere für die Geschichte des leuchtenden Prinzen Genji – und auf ihr glanzloses, mit sinnlosem Sehnen vergeudetes Leben. Sie berichtet jedoch auch von ihren Reisen in die Hauptstadt und nach Sarashina (*), sowie von Pilgerfahrten. Waren diese zunächst getrübt von ihrer Sehnsucht nach einem eigenen Genji, unternahm sie sie später, um ernsthaft für ihr Seelenheil zu beten.

Wie die Geschichten, nach denen sie so verlangte, sind ihre Memoiren in einem Modus geschrieben, der Prosa mit Tanka verbindet. Und es sind die ersten Worte des Sarashina nikki, die Jeffrey Woodward seiner Sammlung Another Garden als Motto voranstellt. Muss ich erwähnen, dass Woodward, wie Takasues Tochter, großes Interesse an diesen "Erzählungen" an den Tag legt? Nun, natürlich nicht. Seine Anstrengungen, Tankaprosa zu fördern und Interesse für ihre klassischen Modelle zu wecken, sind wahrlich nicht unbeachtet geblieben. Als Gründer von Haibun Today und Herausgeber von The Tanka Prose Anthology und Modern Haibun & Tanka Prose ist Woodward größtenteils in den Hintergrund getreten, um Werke anderer Autoren zu fördern und zu präsentieren. 2013 jedoch, erschienen mit In Passing und Evening in the Plaza Woodwards ausgewählte Gedichte, Haibun und Haiku in Buchform. Und seit November letzten Jahres erlaubt Another Garden es uns, diese mit seinen Tanka-Werken zu vergleichen.

Das Buch enthält gut zwei Dutzend Tankaprosa-Stücke, sechzig Tanka und sechs Tanka-Sequenzen. Eine Dreingabe aus Woodwards ausgezeichneten Essays "The Road Ahead for Tanka in English" und "The Elements of Tanka Prose" (2007/2008) sowie "Tanka Prose, Tanka Tradition: An Interview with Jeffrey Woodward" von Claire Everett (2011) komplettiert die Sammlung. Ich werde davon absehen müssen, sie hier zu besprechen, da der Hauptteil der Sammlung weitaus mehr Aufmerksamkeit verdient als ich ihm im Rahmen dieser Rezension widmen kann.

Wie also setzt Woodward um, was er in seinen vielbeachteten Aufsätzen vertritt? Es wird nicht überraschen, dass seine Tankaprosa eine große Formenfülle aufweist. Von der Grundeinheit der Tankaprosa und ihrer Inversion bis Prosa- und Tanka-Umarmungen, von Stücken, die mit Tanka-Sequenzen anfangen oder aufhören bis hin zu solchen, die Prosa und Tanka in unterschiedlicher Weise abwechseln, sind seine Kompositionen geschickt ausbalanciert. Wie immer ist es erhellend zu beachten, was nicht gezeigt wird. Another Garden bietet keine Tankaprosa, die (abgesehen von wenigen zitierten Zeilen) andere Gedichtformen enthält. Es ist auch keine Tankaprosa ohne Tanka enthalten (nach Art der seltenen Haibun ohne Haiku). Dies mag in Woodwards Entschluss begründet sein, Tankaprosa als eigenständiges Genre zu präsentieren und sie deshalb klar von Haibun und sonstigen Prosimetra zu unterscheiden. Zudem ist es eine verzwickte Aufgabe, den Geist des Tanka nur in Prosa zu umschreiben und einzufangen.

Das vielleicht komplexeste Stück der Sammlung ist "The Trial of Dorothy Talbye, 1638", das mit Passagen in direkter Rede durchsetzt ist. Das Stück ist eine dramatische Darstellung der Umstände, die zum historischen Prozess und der Hinrichtung einer geisteskranken Frau aus Salem führten, die ihre kleine Tochter getötet hatte.

Is this the City of Peace then, with a shore cold and stony enough to harbor a Puritan predisposition? Call this Salem–the wild and unexplored interior at your back, the icy brine of the sea in your hair, in your teeth.

here comes a dour man
in buckler and broad hat
and black homespun
and a woman in russet
who flies up behind him

For the poverty of your lot, Dorothy Talbye, let Salem console you. Why must you grieve? Are you not respected for piety and embraced by your church? [...]

Woodwards Bildersprache evoziert die puritanische Strenge der Gemeinschaft und erzeugt eine unheilvolle Stimmung. Seine Art, sich in der Du-Form an Dorothy zu wenden, die Passagen direkter Rede und die lebhafte Schilderung bringen den Leser in medias res. Die Triade "in your back [...] in your hair, in your teeth" ist bestens dazu geeignet, die Wahrnehmung der rauen und kalten Gegend, so wichtig für die im ersten Absatz etablierte Atmosphäre, zu intensivieren. Der abrupte Übergang von der Prosa zur Lyrik gestaltet den Auftritt von Dorothy und ihrem Richter besonders dramatisch. Die folgenden Tanka bleiben dichter an der Prosa und kommentieren die Ereignisse mit zunehmendem Mitgefühl. Während das zweite und dritte Tanka über Bilder und Worte mit dem ersten verbunden sind, ist das letzte mit dem Absatz verbunden, der ihm vorausgeht. Wie Woodwards ganzes Werk, weist auch dieses Stück viele poetische Gestaltungsmittel auf. Wenngleich sie alle seinen reichen und eindringlichen Charakter verstärken, sind manche besonders effektvoll, da sie mit höchst dramatischen Momenten zusammenfallen:

how many lashes
may the woman bear
how many lashes
before, good sir, all
turn, turn to ashes?

And so you spend some weeks quietly, duly chastised and outwardly conforming, until now, in October, in a secluded grove, Difficult, your three year old daughter, is discovered cold and breathless.

Der Satzteil "how many lashes" wird wiederholt und akzentuiert vom Endreim lashes–ashes. Im darauffolgenden Absatz führt die Häufung harscher [k] Laute unausweichlich zu "cold". Derweil findet das tragische Schicksal des Kindes ein Echo in der Alliteration Difficult–daughter–discovered. Wenn sich das Stück seinem Ende nähert, wird das Paar fellow–gallows gefolgt von der Anapher "You will not walk [...] You will not stand [...]". Zusammen mit der Alliteration Dorothy–dragged bereitet diese geschickt vor auf die Frage "Will you repent then, good woman?" Muss ich hood–head und noose–neck noch erklären? (54)

Das Stück bringt mir den Bänkelsang in Erinnerung, ein von umherziehenden Balladensängern aufgeführtes erzählendes Lied. Das mag am Stoff, dem erzählenden Charakter, den Klangqualitäten und aufwühlenden Bildern liegen. Sicher, "The Trial of Dorothy Talbye, 1638" ist keineswegs wie ein Bänkellied geschrieben. Aber mit seiner mit Tanka (i.e. kurzen Liedern) gespickten gehobenen Prosa ist es allemal eine liedhafte Geschichte.

"Photograph at 19" beschäftigt sich ebenfalls mit Geschichtlichem, wenngleich von einer ganz anderen Warte. Verfasst als Bewusstseinsstrom, entwickelt sich die Tankaprosa um eine Fotografie des lyrischen Ichs.

my hair to my shoulder a thin goatee a thin moustache under small 1930s-style round tortoise-shell frames and my grandfather's tweed flat cap and my U.S. regulation bomber jacket with worn zippers and cracked leather ransomed from the Salvation Army

the wind is caught up
where the light in the photo
falls on my hair
the jacket left open
inviting spring

Ellipsen, Wiederholungen, Gedankensprünge und fehlende Interpunktion tragen zum Fluss, Rhythmus und der freihändigen Note der Prosa bei. Der Fokus wandert von dem jungen Mann auf dem Bild zu denen, die ihm damals beschäftigten: Kerouac, Trotsky und Rimbaud. Das lyrische Ich schweift ab und wendet sich mal seinem Bildnis, mal seinen Vorbildern zu. Innerhalb weniger Zeilen läßt Woodward ihn uns von der Pariser Kommune nach Aden, nach Coyoacán und ins East Village entführen. Das Stück endet mit vier Fragmenten, die das Vorhergehende aufklingen lassen und es sogar noch weiterführen:

underlined in my copy of Rimbaud Je est un autre a French schoolboy's letter and manifesto for a systematic derangement of the five senses

and what of Trotsky with Las Dos Fridas in Coyoacán where Frida Kahlo is left alone to hold her own hand

and what of so-and-so and somebody's plan to meet on or about May Day at the Cliff House or perhaps on Russian Hill to view the Golden Gate

underlined in my Rimbaud à son état primitif de fils du Soleil license enough to seek to restore that child of the Sun that primitive state

Die Anaphern springen ins Auge. Wie die Parallelkonstruktion zu Beginn von Woodwards bekannter Tankaprosa "A Record of Semimaru", stabilisiert diese Gestaltung die ansonsten losen Zeilen. Eine Anapher umarmt die andere und verbindet so die Prosa-Fragmente fest miteinander. Für ein Mal übernehmen sie die Rolle eines Gegenliedes: Eine Aufgabe, die sonst von Tanka erfüllt wird. In einer Komposition, die sowohl Kerouacs On the Road wie Rimbauds Illuminations auf den Plan ruft, sollte das wohl erlaubt sein.

Neben Geschichtlichem geben Liebe, Reisen und Abgeschiedenheit gute Themen für Tankaprosa ab. Was die Liebe betrifft, befindet sich der Woodward Klassiker "The Girl from Shanghai" in der würdigen Gesellschaft von "Souvenir", "Confessio Amantis" und der Prosa-Umarmung "Coarse Thread". Das Tanka, das den Auftakt für "Souvenir" bildet, ähnelt einer Studie für ein Gemälde.

light falls from her hair
onto a gold necklace
and lapis lazuli
a carafe's close shadow
of cerulean hue

In zwei kurzen Absätzen ohne Satzzeichen vergegenwärtigt sich das lyrische Ich einer verlorenen Liebe: "you in high summer here at my side your eastern city far behind". Er versucht "diese schimmernde Aura" der Erinnerung zu verlassen, aber sie folgt ihm "into October into a sudden evening into a windy street". Bilder und Stimmung des abschließenden Tanka kontrastieren mit dem ersten Gedicht.

if I turn back now
and look to the east
the heavens blacken
where tonight you lie at ease
beside another

Was Reisen betrifft, fängt "Needles bei Nacht" in fünf Prosa-Fragmenten und vier Tanka wahrlich das Gefühl ein, unterwegs zu sein. Dies wird erreicht durch die Wiederholung von "coming into Needles" zu Beginn jedes Prosa-Fragmentes, und durch die gezielte Wahl einfacher Details, welche die verschwommene Wahrnehmung nach einer langen Fahrt gekonnt nachahmen.

coming into Needles on the dusty coattail of a bit of night wind and heat lightning the sand kicking up into a dinged-up Mustang convertible to sting a sun-burnt face

where was that village
and when did you pass through
you forget the name
but recall the sign last stop
for water one hundred miles

Die Fahrt geht weiter "coming into Needles on the sly and under cover of darkness [...] by way of the main street 10:30 p.m. [...]": eine Spiegelung von "via Flagstaff by way of Gallup [...]" im ersten Fragment. Eine letzte Wiederholung verbindet die beiden abschließenden Gedichte mit dieser fragmentarischen Prosa: "coming into Needles / only to pass through". Dieser Antiklimax trägt zum Eindruck der Transienz bei. Das letzte Tanka muss jetzt ein gewisses Gewicht oder einen Fixpunkt haben, um die Komposition auszubalancieren. Und den hat es:

farther down
that desolate road
and gray and scraggly through
the halo of your high-beams
the trickster coyote

"Needles by Night" darf wohl als Gegenpart von "A Record of Semimaru" gesehen werden.

Another Garden bietet ebenfalls Episoden literarischen Sightseeings, wie in "Seamen's Bethel, New Bedford" über Melvilles Moby Dick und "Tor House", einem Stück über Robinson Jeffers und dessen Lyrik. Manche Werke der Literatur nennt Woodward ganz offen; andere deutet er nur vage an. Ein Abschnitt des Buches, "Blue Flag" getitelt, enthält ausschließlich Tanka-Sequenzen. "Blue Flag" (Blaue Schwertlilie) bezieht sich auf eine ruhige Sequenz von fünf Tanka. Eines lautet:

looking into
clear water
the blue flag
only
looking back

Im gesamten Stück werden die Wörter faraway, path, cottage, shore, blue flag, clear water, looking und dream wiederholt, was eine meditative Stimmung erzeugt. Man mag es dabei belassen; ich sehe die Komposition jedoch als Anspielung auf Thoreaus Walden, in dem der klare See den Himmel in uns versinnbildlicht.

Wenn "ein höfisches Gedicht [ein waka] in erheblichem Maße [...] fünf Zeilen auf der Suche nach einem Kontext darstellt" (3) und dies auch auf Tanka zutrifft, weshalb sollten Sequenzen und Prosastücke mit Tanka dann nicht ebenso eine Tendenz zur Integration zeigen? In Another Garden tun sie das. Ihr Kontext entsteht durch Verkettung. Einzelne Kompositionen der Sammlung stehen über ihre Stimmung oder Symbolik, ihrem Gegenstand, ihr Thema oder Detail usw. mit einander in Verbindung. Diese Methode erzeugt eine Spannung und Erhöhung, die ein tieferes Verständnis sowohl einzelner Stücke als auch des gesamten Werkes erlauben. Manchmal sind aufeinanderfolgende Kompositionen mit einander verbunden; in anderen Fällen gibt es gleich mehrere Verweise auf weitgestreute Stücke.

Ein Beispiel ist die Tankaprosa "Halo", die ich als Woodwards Antwort auf das Sarashina nikki ansehe, und in dem das lyrische Ich über seine Leidenschaft für Bücher sinniert. Aus dem zweiten Absatz:

This is how I squandered the fortune of my youth–on the luxury of reciting aloud another man's finely-tuned phrase or praising the harmony of another man's palette [...] My friends came to lament the sacrifice of their liberty in acquiring fine possessions; I came to lament the poverty of my proud independence. Isn't it a simple matter, in retrospect, to say this man is illuminated, this man is not–to weigh, resolutely, wisdom against folly?

Weisheit gegen Torheit, das Leben in der unberechenbaren Welt gegen das Leben in der gelehrten Welt, Besitztümer gegen Armut: In der vorhergehenden schlichten Tanka-Umarmung "Drifter" heißt es:

left to make
a packing box
your table
and take for your ration
in lieu of bread, air

Zu diesem Thema ist auch ein eigenständiges Tanka aufgenommen und in "Peach Blossom Spring" wählt Tao Qian "the patient poverty of studious seclusion over the ready riches of a busy courtier's life." (48) "The Silence That Inhabits Houses" fällt einem da ein, eine Ekphrasis zum gleichnamigen Gemälde von Matisse. Die Tankaprosa zeigt das lyrische Ich an einem Tisch über einem Buch, wie die gesichtslosen Leser in dem Matisse, den er sich darin anschaut: "bare outlines in a yellow borrowed from the window" (14). Hat Matisse hier nicht den Akt des Lesens selbst dargestellt? Und was ist mit dem gebildeten jungen Mann und seinen Helden in "Photograph at 19"? Die Frage "wie leben wir richtig?" ist ein wiederkehrendes Thema in Another Garden, und es ist ein Leichtes zu sehen, wie sie sich zum Sarashina nikki verhält.

Aber Moment mal, habe ich soeben "gesichtslos" geschrieben? In "The Black Clock", einer Tanka-Sequenz zu einem Stillleben von Cézanne (das übrigens auch den Umschlag von In Passing ziert) steht " [...] handless in the background / a black clock's blank face" (62): zeigerlos im Hintergrund / das leere Gesicht einer schwarzen Uhr. Die Lautmalerei black–clock's–blank verleiht dem Nachdruck, was die Uhr nicht macht: Sie tickt nicht. Sie zeigt die Zeitlosigkeit, ein weiteres prominentes Thema dieser Sammlung. Das Gemälde von Cézanne ist "eine Studie komplizierter formeller Gleichgewichte [...]" (4), ein Konzept, das der Lyrik nicht fremd ist. Und Woodward behandelt es als solches. Er konzentriert sich eher auf die Beziehungen der im Gemälde gezeigten Gegenstände als auf Ihre Konnotationen. Vielleicht aus kompositorischen Gründen erwähnt er weder den Spiegel noch die Zitrone, die auf eine Vanitas hinzudeuten scheinen. Ebenso wenig erwähnt er das Tintengefäß.

In seinem Essay "The Road Ahead for Tanka in English" geht Woodward näher ein auf Shōtetsus Beschreibung eines Tintengefäßes in lyrischer Prosa. (118)

Shōtetsu proceeds to inform his patient reader not only that a Chinese poem is inscribed "next to the plum trees" but to quote the poem verbatim with its description of the man on the bridge, "walking stick in hand."

Ist es reiner Zufall, dass die Tanka-Sequenz nach "The Black Clock" den Titel "A Walking Stick" trägt? Das erste ihrer acht Tanka lautet

a walking stick
that some ancient cast aside
I lift it from the dust
of this derelict path
and today I make it mine

"[S]ome ancient" bezeichnet hier einen klassischen Dichter und verweist wahrscheinlich auf den Korpus der klassischen japanischen Lyrik; sein wiederholtes Vorkommen in der Sammlung spricht dafür. "[T]he wind of autumn / that mourns in the grass" (der Wind des Herbstes / der im Gras wehklagt" im weiteren Verlauf der Sequenz wird unterstütz von Woodwards eigenständigem Tanka

his antique voice
is like that of
the wind or of
the quail before
the withered grass

das an Shunzeis berühmtes waka "yū sareba" (5) erinnert. In "let me put this stave / and one foot now before me" (lass mich diesen Stab / und einen Fuß nun vor mich setzen 64) kann stave auch eine Strophe und foot einen Versfuß meinen. Die zweite Bedeutung der Sequenz ist somit klar. Das von Shōtetsu verewigte Tintengefäß war mit einer Frühlingsszene verziert – hier ist es Herbst. Natürlich ist es das: Die Zeit ist nur in der Kunst aufgehoben, nicht in der Realität:

a walking stick
beside the path
this, too, I would leave
in the dust
when I pass

Seine Tanka präsentiert Woodward zwischen seiner Tankaprosa in zwei Gruppen von jeweils dreißig Gedichten, was sehr gut funktioniert. Dank ihrer Zahl und durchdachter Reihenfolge haben die Tanka genügend Gegengewicht zu den längeren Kompositionen. Aufmerksame Leser können aus ihrer Anordnung zusätzliche Freude gewinnen. Drei Tanka werden reichen müssen, um einen Eindruck zu vermitteln:

when the swallow lands
and tucks beneath its wing
the sky of evening
you barely pause but withdraw
icily clasping your robe

no way to skip it
but I toss the stone
sidearm nonetheless
and listen to it clatter
across the frozen river

deliciously sweet
but with a slight tang,
the rejected
and twisted little
apples of Winesburg

Die charmante Wendung "tucks beneath its wing / the sky of evening", mit ihrem subtilen Reim und der zierlichen Geste des Vogels, kontrastiert effektvoll mit den letzten Zeilen. Im zweiten Tanka trägt die Lautmalerei "clatter–across" zur Empfindung der Kälte bei, während das letzte Tanka eine Anspielung in einen Sinneseindruck kleidet. Winesburg, Ohio von Sherwood Anderson ist ein Kurzgeschichten-Zyklus, dessen einzelne Stücke miteinander verkettet sind.

Der Titel der Sammlung stammt von seinem mittleren Stück, einer Tanka-Sequenz, die von Woodwards langer Beschäftigung mit westlicher Lyrik zeugt.

Another Garden

there is that place
where one may go
and deep within a garden
peacefully abide and watch
an apple harden

or so the tale is told
that he who will may find it
hidden there beyond a wall
where the one who comes to stay
does not hear an apple fall

nor is there any day
nor is there any night
but the young leaves lately known
to murmur ever lightly
soon are quieted and stone

"Lyrik jedweder Art, ob formell, frei oder Tanka, ist für mich zuallererst ein klangliches Phänomen", sagt Woodward (6). Sein Einsatz lyrischer Mittel ist in der Tat gekonnt. Die Musikalität und Raffinesse, die er mit seiner Methode und Kunst erreicht, sind fabelhaft, jedoch, wie es hier der Fall ist, manchmal einer wesentlichen Abweichung von der Form, die er zu bereichern sucht, geschuldet.

In "The Elements of Tanka Prose" schreibt Woodward: "Tanka und Haiku haben im Japan des 20sten Jahrhundert gemeinhin ihr Silbenschema aufgegeben, und die Adaption der beiden Formen im Westen ist diesem Beispiel weithin gefolgt." (124) Das japanische Tanka ist tatsächlich geringfügig von seinem Silbenschema abgewichen; soviel ich weiß, ist dies jedoch keineswegs zur Regel geworden. Vielleicht als Folge recht freier Übersetzungen und unter Einfluss der englischsprachigen Haiku-Gemeinschaft ist das englische Tanka "diesem Beispiel [nicht] weithin gefolgt", sondern hat es seine Grenzen erheblich weiter gesteckt. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen.

Ich habe keine Einwände gegen die Einführung von Endreim. Endreim wird in japanischen Tanka in der Regel vermieden, aus dem einfachen Grund, weil er im Japanischen nicht sonderlich gut wirkt; das heißt nicht, dass man ihn in westlichen Tanka aufgeben sollte. Die einzelnen Tanka dieses Gedichtes verhalten sich jedoch mehr wie die Strophen westlicher Lyrik. Sie wirken wie durch ihre Aussage und ihr Klangbild zusammengeschweißt, sind also weitaus weniger eigenständig als man es von den Tanka einer Sequenz gewohnt ist. Da sie sich ebenfalls weit vom idealen kurz-lang-kurz-lang-lang Schema des Tanka entfernen, ist es im Grunde nur der Kontext, der das Gedicht als Tanka-Sequenz erscheinen lässt.

Gleichwohl gebe ich gerne zu, dass dies ein faszinierendes Gedicht ist. Der Stimmungswechsel vom friedvollen Anfang der Sequenz zu ihrem betont finsteren Ende ist bemerkenswert. Äpfel und versteckte Gärten kommen in der Sammlung mehr als nur dies eine Mal vor; ihre Bedeutung beschränkt sich also nicht auf diese Komposition. Ein Gedicht ist nie abgeschlossen, und ich habe dieses Gedicht noch nicht endgültig ausgelesen. Deutet es auf die Vorstellungskraft oder auf die Welt der Literatur "[...] out of time and in no place at all" (38) hin? Und sind die letzten düsteren Zeilen eine Mahnung, die Fantasie mit Leben zu nähren, damit sie nicht verkümmert? Oder sich beizeiten der Wirklichkeit zuzuwenden, damit das Leben nicht vergeudet wird?

Während ich diese Sammlung wiederholt las, erblühte eine Rose und streute ihre gelben Blütenblätter; Blätter wurden gelb und funkeln nun im Raureif. Bin ich ärmer, da ich meine Tage in Abgeschiedenheit verbrachte, oder reicher, da ich durch jenes andere Reich gegangen bin? Ich will es den Lesern überlassen, die Äpfel in Woodwards Tanka-Werken zu kosten und dessen Gärten zu entdecken. Wie das Tintengefäß sind manche allerdings gründlich versteckt.

Fußnoten

Diese Rezension wurde in Haibun Today 7:4, Dezember 2013 in englischer Sprache veröffentlicht. Für die deutsche Leserschaft habe ich sie übersetzt und leicht überarbeitet.

  • * Dieser Irrtum in der englischen Fassung wurde bei der Übersetzung zunächst korrigiert, mit Hinweis auf die später veröffentlichte Berichtigung jedoch wiederaufgenommen.
  • 1. Sarahina-Nikki. Tagebuch einer japanischen Hofdame aus dem Jahre 1060. Herausgegeben von Horst Hammitzsch, aus dem Japanischen übersetzt von Ulrich Kemper. Philipp Reclam jun. Stuttgart 1966, S. 13
  • 2. nikki bezeichnet ein Tagebuch. Hier handelt es sich jedoch eher um Memoiren.
  • 3. "To a very considerable extent [...] a court poem is five lines in search of a context" Miner, Earl. An Introduction to Japanese Court Poetry . Stanford, CA: Stanford University Press, 1968 (zitiert in "The Road Ahead for Tanka in English")
  • 4. "a study of intricate formal balances [...]" Mary Thompkins Lewis, Cézanne, London: Phaidon Press Ltd., 2000, S. 87-88 (zitiert in der Fußnote auf Seite 101).
  • 5. "As evening falls, / From along the moors the autumn wind / Blows chill into the heart, / And the quails raise their plaintive cry / In the deep grass of Fukakusa village." Miner, Earl. An Introduction to Japanese Court Poetry . Stanford, CA: Stanford University Press, 1968, S. 109.
  • 6. Jeffrey Woodward, interviewt von Patricia Prime in "Talking Points: Jeffrey Woodward on Haibun and Tanka Prose." Simply Haiku 6.3, Herbst 2008.

Erstellt am 02.01.2014 ~ Zuletzt geändert am 01.06.2014

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