Glossar
Einführung
Das Glossar bietet dir einen ganz eigenen Zugang zur Tanka-Lyrik. Es erklärt weitaus mehr Poetikbegriffe, als in den Aufsätzen erscheinen. Viele beziehen sich auf ästhetische Ideale vergangener Zeiten. Sie können dir helfen, die Entwicklung des Tanka nachzuvollziehen; für die heutige Schreibpraxis sind sie jedoch nicht richtungweisend. Das moderne westliche Tanka ist nicht an den Konventionen der Klassik gebunden, es muss sich im Gegenteil noch – und dann immer wieder neu – erfinden.
Manche Poetikbegriffe sind nur schwierig zu durchschauen. Dieser Versuch einer Kurzdarstellung widerspiegelt jedoch im großen Ganzen zuverlässig mein Verständnis der Tanka-Lyrik. Begriffe, die keinen Eingang in die deutsche Sprache gefunden haben, sind kleingeschrieben; geläufige Bezeichnungen sind großgeschrieben.
Alphabetisch geordnete Einträge
- aishōka
- Trauerlieder; eine eigene Kategorie in der kaiserlichen Sammlung Kokin Wakashū.
- akrostische Tanka
- Tanka, bei denen die Anfangssilben der Verszeilen ein Wort ergeben. Siehe Das verrückte Gedicht: Kyōka.
- aware
- Mitgefühl, Verlangen nach Schönem, das Anrührende der Dinge.
- 1) Als Ausruf ist aware ein Ausdruck starker Gefühle;
- 2) Die (im Gedicht umgesetzte) Ergriffenheit, verursacht durch das Erkennen der Vergänglichkeit der Naturerscheinungen und des Lebens. Siehe Die Entwicklung des Tanka.
- banka
- Klagelied, Trauerlied im Manyōshū.
- byōbu uta
- Kurzform von byōbue no uta; Gedichte die in Auftrag gegeben wurden, um bemalte Wandschirme zu schmücken. Beliebte Motive für Wandschirme waren berühmte Landschaften und die Jahreszeiten.
- chōka
- Chōka heißt "langes Gedicht". Es ist eine im 8. Jh. noch übliche Gedichtform, die sich besonders für Lobpreisungen und Trauergesänge formeller Natur eignet. Ihre Zeilen zählen abwechselnd 5 und 7 Moren; die letzten zwei bestehen aus jeweils sieben Moren. Die Zahl der Zeilen ist beliebig, das längste überlieferte Langgedicht hat jedoch nicht mehr als 150 Zeilen. Chōka werden oft von einem oder mehreren Gegenliedern (hanka) abgeschlossen. Die hanka nehmen die zentrale Aussage des chōka auf und vertiefen diese in der Form eines Tanka. Chōka entwickeln sich in der Regel von einer großartigen Landschaftsbeschreibung hin zu einer lyrischen Aussage.
- chokusenshū
- Die kaiserlichen Anthologien; auf Geheiß der Kaiser zusammengestellte Sammlungen, die herausragende Tanka verschiedener Autoren und Epochen berücksichtigen.
- chōrenga
- "Langes Renga"; die Form der klassischen Kettendichtung, die sich als Standard durchsetzte. Sie geht zurück auf das ältere Tanrenga (kurzes Renga), das sich aus dem Tanka entwickelte. "Chō-" und "tan-" dienen zur Unterscheidung beider Formen, wobei die gängigere lange Form meistens einfach Renga genannt wird.
- dai
- Das dai ist das Thema eines Gedichts.
- dai shirazu
- "Ohne Titel"; Es ist kein vorgegebenes Thema bekannt, das Tanka hat keine über diesen Vermerk hinausgehende Einleitung.
- denki monogatari
- Fiktionale Prosa, die Tanka enthält und nicht vor den Grenzen der erfahrbaren Realität halt macht. Siehe Taketori monogatari.
- dokushi
- Bei einem Dichterwettstreit hat der dokushi die Aufgabe, alle Gedichte zu kontrollieren und dem kōji (Rezitator) zu überreichen. Er korrigiert auch eventuelle Fehler des kōji.
- Ekphrase
- Ekphrase ist die sehr anschauliche Schilderung eines Werks der bildenden Kunst. Dieses Werk, etwa ein Gemälde oder eine Skulptur, wird nicht sachlich beschrieben sondern dem Leser als ganzheitliche Erfahrung dargeboten. Beispiel: die Tankaprosa "Unter den Wellen".
- Ellipse
- Die Ellipse, die Auslassung von Redeteilen, ist ein Gestaltungsmittel, das dem andeutenden und evozierenden Charakter des Tanka entspricht. Das Ausgelassene lässt sich gedanklich leicht ergänzen.
- en
- Anmut, Charme; ein Stil von unbestimmter aber betörender Schönheit, der Tiefe erhält und Sehnsucht evoziert durch die Verwendung von Anspielungen auf klassische Werke. Siehe yōen.
- engo
- Eine Technik, bei der ein Wort an die Nebenbedeutung eines anderen anknüpft. Das engo bewirkt Tiefe und ermöglicht einen assoziativen Zusammenhang von zwei sich eigentlich fremden Elementen.
- ga go
- Die klassische "elegante" japanische Sprache, die in Tanka lange bevorzugt wurde.
- ga no uta
- Glückwunschlieder; Band 7 des Kokin Wakashū.
- gunsaku
- Ein gunsaku ist eine Sequenz aus mehreren Tanka (oder Haiku), die ein bestimmtes Thema auf unterschiedliche Weise beleuchten. Jeder Vers eines gunsaku könnte auch für sich stehen.
- Haibun
- Haibun ist die Zusammenziehung von haikai no bunshō, was "Prosa im Haikai-Stil" bedeutet. Genauso wichtig wie atmosphärische Dichte, die von literarischen Bezügen mitgetragen wird, sind Rhythmus und Klang der Sprache.
- haigon
- Lehnwörter und Wörter, die im klassischen Tanka und Renga als zu gewöhnlich galten, aber um so mehr in der heiteren Kettendichtung und im Haiku Verwendung fanden.
- Haikai
- 1) Kurzform für haikai no renga; eine humoristische und bald sehr vulgäre Variante der Kettendichtung, die im Gegensatz zum eleganten Renga die Verwendung von chinesischen Lehnwörtern und alltäglichen Themen erlaubte. Matsuo Bashō brachte das haikai no renga auf ein hohes literarisches Niveau indem er die Schönheit des Alltäglichen aufzeigte und die Spannung zwischen dem Flüchtigen und dem Unwandelbaren in seinen Versen wirken ließ. Heute bezeichnet man diese Form der Kettendichtung als Renku;
- 2) Ursprünglich die Bezeichnung für humoristische Gedichte, auch Überbegriff für alle Formen, die vom haikai no renga abstammen: Renku, Hokku, Haiku und Haibun.
- haikaika
- Das haikaika ist ein Scherzgedicht in Tanka-Form. Es wird auch haikai-uta genannt. In den kaiserlichen Anthologien war ihm eine eigene Kategorie vorbehalten. Haikaika sind aufgrund ihrer Sprache oder Idee nach Tanka-Maßstäben nicht elegant und würdevoll genug (siehe Textstelle). Spätere Scherzgedichte in Tanka-Form, die Haikai-Dichter im Geiste des Haikai verfassten, nennt man ebenfalls haikaika.
- Haiku
- Kurzform für haikai no ku; japanisches Gedicht mit (traditionell) drei Segmenten zu jeweils 5-7-5 Moren und einem Kigo (Jahreszeitenwort). Masaoka Shiki hat den Begriff eingeführt für das Hokku (ursprünglich der erste Vers eines Kettengedichts), das bereits zu seiner Zeit als eigenständiges Gedicht geschrieben wurde. Das Haiku ist im Wesen ein Zeitgedicht.
- hanka
- Gegenlied. Ein kurzes Gedicht in Tanka-Form, das auf ein chōka folgt. Es spiegelt gewissermaßen die Entwicklung des Langgedichts und bringt dessen Aussage und Gefühlsgehalt auf den Punkt.
- hanshi
- Begründung für das Urteil in einem Dichterwettstreit.
- hare no uta
- Formelle Lyrik. Gedichte (Kanshi, Tanka), die z.B. im Rahmen eines Dichterwettstreits oder Banketts verfasst oder für Wandschirme in Auftrag gegeben wurden.
- hiragana
- Kursive japanische Silbenschrift, entstanden aus phonetisch verwendeten chinesischen Schriftzeichen. Neben den hiragana gibt es die katakana. Beide nennt man kurz kana.
- hon'i
- Mit hon'i meint man die Essenz des Dargestellten. Es gab sehr bestimmte Vorstellungen, wie diese Essenz (gemäß der Konvention) am wirkungsvollsten umzusetzen sei. Das Paradebeispiel: Ein diesiger Frühlingsmorgen hat hon'i, weil das Diesige im Frühling am besten zur Geltung kommt, obwohl es auch klare Frühlingsmorgen und diesige Sommertage gibt. Hon'i ist also auch eine Verengung auf einen bestimmten Vorstellungsgehalt.
- honka
- "Stammgedicht"; ein Tanka, dessen Wortlaut, Inhalt oder Konzept beim honkadori verwendet wird.
- honkadori
- "Ein Stammgedicht benutzen". Beim Verfassen eines Gedichts zurückgreifen auf ein allgemein bekanntes älteres Tanka. Dessen Wortlaut, Inhalt oder Konzept werden für den neuen Text teilweise entliehen.
- honzetsu
- Wie honkadori, nur wird in diesem Fall auf allgemein bekannte Prosawerke (z.B. den höfischen Roman Genji monogatari) angespielt.
- hyakushu-uta
- Eine Sequenz bestehend aus hundert Tanka, oft im Ganzen oder in Teilen dem Aufbau der kaiserlichen Anthologien nachempfunden. Berühmt ist das Horikawa hyakushu (um 1105), bestehend aus etwa 15 Sequenzen von ebensovielen Autoren, die dem Kaiser Horikawa angeboten wurden. Für jedes der hundert Tanka war vorab ein bestimmtes Thema festgelegt worden.
- Jahreszeitenwort
- Ein Wort, das die Jahreszeit und damit die Stimmung eines Verses festlegt. Auch Kigo genannt.
- ji
- Ein Unentschieden in einer Runde eines Dichterwettstreits. Auch mochi.
- ji-amari
- Ji-amari bezeichnet einen Überschuss an Moren in einer Zeile. Wie in der Einführung erwähnt, besteht das klassische japanische Tanka idealerweise aus fünf Segmenten zu 5-7-5-7-7 Moren. Moderne japanische Tanka können von dieser Regel durchaus abweichen oder mit der Verteilung der Moren spielen. Im Westen orientiert man sich an dieser Vorgabe, ohne sich von ihr zu Verrenkungen verleiten zu lassen. Mitunter profitiert ein Tanka von einer zusätzlichen Silbe und kann ohne diese nicht im gleichen Maße wirken. Und gelegentlich wird eine Zeile etwas kürzer ausfallen dürfen, obwohl das in der klassischen Lyrik weitaus seltener vorkommt. Abweichungen sollten nicht auf einen allzu bequemen Umgang mit Sprache zurückzuführen sein. Sie werden gezielt und kunstvoll als Stilelement eingesetzt oder beruhen auf einer insgesamt freieren, aber wohlüberlegten Umsetzung der Form.
- jika-awase
- Ein Dichterwettstreit, den ein Autor mit sichselbst führt; eine im 12. Jahrhundert entwickelte Variation des uta-awase. Manche Dichter ordneten ihre Tanka zu einem Dichterwettstreit in verschiedene Runden, die sie einem geschätzten Kollegen zur Beurteilung vorlegten.
- jo
- "Vorwort". Das jo ist ein rhetorisches Gebilde, das sich über zwei oder mehr Zeilen eines Tanka erstrecken kann und in dessen Hauptaussage einführt, indem es in Beziehung tritt zu dem Wort, zu dem es hinführt. Mal steht die klangliche Gestaltung des jo im Vordergrund (mushin), mal dessen Bedeutung (ushin).
- jukkai
- Tanka der Kategorie jukkai berichten vom Missmut des Autors über seinen niedrigen Rang, Misserfolg oder Schicksalsschläge. Dies kann freilich in sehr verhüllter Weise geschehen, so dass man auf den ersten Blick meint, eine Naturbeschreibung zu lesen.
- kabyō
- "Gedichtkrankheiten" auch uta no yamai genannt. Tabus, die überwiegend die Vermeidung von Reim, Klang- und Wortwiederholung und dergleichen betrafen und mal mehr, mal weniger rigide befolgt wurden. Bei Dichterwettstreiten versuchte man sie zu vermeiden, aber einem rundum guten Gedicht konnten sie kaum schaden.
- kachi
- Kachi bedeutet, dass ein Gedicht in einer Runde eines Dichterwettstreits den Sieg davontrug.
- kadan
- Dichterkreis.
- kakekotoba
- Das kakekotoba ist ein Türangelwort. Wie ein Scharnier eine Tür erst bewegbar macht, ermöglicht das kakekotoba dem Leser den Zugang zu einer zweiten Aussage. Man kann mit einem kakekotoba sogar den normalen Satzbau "aus den Angeln heben", um weitere Bedeutungsschichten aufscheinen zu lassen. Es handelt sich um ein Wort(element) mit doppelter Bedeutung, das mit dem Vorhergehenden und dem Nachfolgenden einen unterschiedlichen Sinnzusammenhang ergibt. Kanji und mit japanischen Lautzeichen geschriebene Worte haben oft mehrere Lesarten, zudem ist die japanische Satzstruktur nicht so festgelegt wie unsere; beides erleichtert das Einbinden von kakekotoba.
- kami no ku
- Die ersten drei Segmente des Tanka. Man kann sie von der Form her – aber weder inhaltlich noch stilistisch – mit dem Haiku vergleichen. Die beiden letzten Segmente heißen zusammen shimo no ku. In der Kettendichtung, die ihren Ursprung im Ergänzen eines kami no ku oder shimo no ku zu einem vollständigen Tanka hat, wechseln sich beide ab.
- kana
- Japanische Silbenschrift, entstanden aus phonetisch verwendeten chinesischen Schriftzeichen.
- kanazōshi
- Kanazōshi sind weitgehend in Silbenschrift gedruckte, beliebte Geschichten. Um 1650 ermöglichte ein neues Druckverfahren die massale Verbreitung dieser populären Werke.
- Kanshi
- Japanische Gedichte, die sich an chinesische Vorbilder anlehnen. Deren Metrum, Sprache und Schriftbild wurden übernommen. Siehe auch shi.
- karon
- Die Poetik des klassischen Tanka.
- Kasen
- Ein Kettengedicht bestehend aus 36 Versen, das die sanjūrokkasen, die 36 poetischen Heiligen des klassischen Tanka, in seinem Namen trägt. Siehe Haikai no renga.
- kashū
- Eine Haussammlung, in der die Gedichte einer Familie (und Tanka, die sie in einem Briefwechsel erhielt) zusammengetragen wurden. Auch ie no shū.
- ke no uta
- Informelle Lyrik. Gedichte, die bei alltäglichen Anlässen verfasst wurden, etwa in Dialogen, Briefen und Liebesbeziehungen. Der Übergang zu den formellen hare no uta ist fließend, da solche privaten Gedichte gelegentlich in Anthologien erschienen und bei Dichterwettstreiten Themen wie "Liebe" ausgeschrieben wurden.
- kendai
- Kendai bezeichnet die Praxis, insbesondere bei größeren Dichterwettstreiten die Themen vorab bekanntzugeben. Die Teilnehmer hatten also Gelegenheit sich einzustimmen oder sogar Gedichte vorzubereiten.
- kenyogen
- Ein Wort, das ähnlich wie ein kakekotoba zwei Funktionen erfüllt.
- Kettendichtung
- Siehe Renga und chōrenga.
- kigo
- Ein Wort, das die Jahreszeit und damit die Stimmung eines Verses festlegt. Auch Jahreszeitenwort genannt.
- kikō
- Reiseliteratur, gern in der Form eines Tagebuches mit eingestreuten Tanka.
- koi no uta
- Liebeslieder; Band 11 bis 15 des Kokin Wakashū.
- kōji
- Bei einem Dichterwettstreit bekommt der kōji sämtliche Gedichte vom dokushi überreicht. Er rezitiert sie auf formelle Weise vor den Anwesenden. Die letzte Silbe jeder Zeile wird dazu möglichst lange intoniert.
- kokoro
- "Herz", Gefühl, Idee, ästhetische Haltung. Kokoro umfasst Bereiche wie Ton, Thema und die Art, wie ein Gefühl vermittelt wird. Mit kotoba ("Wort") ist es eines der wichtigsten Begriffe der Tanka-Lyrik.
- koshiore-uta
- Mit koshiore-uta ("Gedicht mit gebrochener Hüfte") bezeichnet man ein Tanka, das keinen besonders guten Aufbau hat. Es ist auch ein Ausdruck, den man für seine eigenen Tanka verwendet, um bescheiden zu sein.
- kotoba
- "Wort", Aussage, Diktion. Kotoba umfasst poetische Sprache und Bilder, Silbenzahl, Satzbau, klangliche und sprachliche Ausformung des Gedichts.
- kotobagaki
- Gedichtüberschrift. Eine kurze einleitende Anmerkung zu einem Gedicht, die auf die durchaus manchmal nur vorgeblichen Umstände von dessen Entstehung eingeht.
- ku
- Das traditionell aus 5 oder 7 Moren bestehende Segment eines Tanka. Im Westen hat es sich eingebürgert, jedes ku als eine Zeile wiederzugeben, was in Japan nicht gebräuchlich ist. Der Begriff ku wird auch für ein ganzes Gedicht verwendet, insbesondere beim Haiku oder für einzelne Glieder der Kettendichtung.
- kugire
- Zäsur. Auch wenn die Begriffe kami no ku und shimo no ku für die obere und untere Hälfte des Tanka, die Entwicklung zum Tanrenga und die aus der Kettendichtung bekannten langen (5-7-5) und kurzen (7-7) Verse es nahelegend erscheinen lassen: das Tanka zerfällt nicht in zwei Teile. Eine Zäsur kann beim Tanka nach jeder Zeile auftreten - oder gar nicht.
- Kyōka
- Das Kyōka ist ein humoristisches, auch parodistisches Gedicht in der Form eines Tanka.
- kyōmei
- "Verrückter Name": das Pseudonym eines Kyōka-Dichters. Neben skurrilen Namen waren Pseudonyme beliebt, die einen Rückschluss auf den Berufsstand erlaubten, z.B. "Sakebune" (Sakeschiffchen) für einen Sakebrauer.
- makoto
- Mit makoto bezeichnete man zunächst die aufrichtige Haltung, aus der ein Tanka entstand. Später verstand man darunter das Erfassen und Ausdrücken einer inneren Wahrheit.
- makurakotoba
- "Kissenwort". Makurakotoba sind meistens 5-silbig. Sie gehören zu einem Wort, das sie modifizieren. Ihre Bedeutung ist nicht immer klar, aber sie können sehr bildhaft wirken.
- moji tarazu
- Schriftzeichen-Mangel; siehe ji-amari.
- monogatari
- Erzählungen; fiktionale Prosa, die meistens Gedichte enthält, deren Hauptaugenmerk jedoch die erzählte Geschichte ist (Siehe Genji monogatari).
- mono no aware
- Unter mono no aware versteht man:
- 1) Innige Anteilnahme an den Dingen;
- 2) Die Schönheit des Vergänglichen, traurige Schönheit der Dinge.
- mono no na
- "Sachnamen"; Band 10 des Kokin Wakashū. Ein Tanka, dessen Thema im Text versteckt ist und etwa durch Zusammenziehen einiger Moren aufeinanderfolgender Wörter gelesen werden kann.
- Mora
- Der Begriff Mora (plural: Moren) stammt aus dem Lateinischen. Er bezeichnet die kleinste Zeiteinheit im Verstakt; die Dauer einer kurzen Silbe. Unsere Silben stimmen nicht vollends mit den japanischen Moren überein. Dennoch ist, sei es der Einfachheit halber oder weil die Struktur des Tankas in der Form übernommen wurde, oft von 5-7-5-7-7 Silben die Rede.
- mushin
- Als mushin bezeichnet man Gedichte oder Ausdrücke, die – im Gegensatz zu ushin – nicht von tiefem Empfinden zeugen, keinen Sinn ergeben, nicht angemessen erscheinen oder schlicht nicht den Konventionen entsprechen. Die humorvolle Haikai-Dichtung und Kyōka sind mushin, klassisches Renga und Tanka sind ushin.
- musubidai
- Ein vorgegebenes, zusammengestelltes Thema für Tanka, das aus zwei oder mehr Elementen besteht. Zum Beispiel "Schnell wachsendes Sommergras", "Tau auf Chrysanthemen", "Liebe in den Bergen".
- nagauta
- Siehe chōka.
- nikki
- 1) Tagebuch, von Männern oft in chinesischer Sprache verfasst;
- 2) "Kunst"-Tagebuch, in dem Gedichte einen wichtigen Platz einnehmen und das (ganz oder zum Teil) fiktional sein kann.
- nushi aru kotoba
- "Ausdrücke, die einen Herren haben". Ausdrücke, die aufgrund ihrer besonderen Schönheit oder Originalität als Eigentum ihrer Verfasser betrachtet wurden und deshalb in der Dichtung fortan nicht von anderen verwendet werden durften.
- onnade
- "Frauenhand"; eine Bezeichnung für die zunächst überwiegend von Frauen benutzte japanische Silbenschrift.
- Onomatopoesie
- Onomatopoesie (deutsch: Lautmalerei) ist die Nachahmung eines Lautes durch den Klang der verwendeten Sprache. Gerade in Tanka, deren akustischer Eindruck wichtig ist, ist dies ein hervorragendes Stilmittel.
- oriku
- Ein oriku ist ein akrostisches Tanka. Die jeweils ersten Moren der Zeilen ergeben zusammen ein Wort, das oft das Thema des Gedichts darstellt.
- Parallelismus
- Ein Parallelismus ist die syntaktische Übereinstimmung von aufeinanderfolgenden Satzgliedern oder Sätzen, die inhaltlich kontrastieren können. Ein Gestaltungsmittel, das schon im chinesischen shi benutzt wurde und im Tanka ebenfalls einen gelungenen Effekt erzeugen kann.
- Parenthese
- Eine Parenthese ist ein Einschub, der den Satz unterbricht, ohne dessen Syntax zu verändern. Der Einschub ist grammatisch selbständig; er enthält eine Information, die durch die Unterbrechung des Satzes betont wird. Eine Parenthese kann zwischen Gedankenstrichen, Klammern oder Kommata stehen. Siehe auch: Tanka zum Mitschreiben Folge 5: Der Einschub
- Renga
- Kettendichtung von zwei oder mehr Autoren, gewöhnlich bestehend aus 100 Versen zu abwechselnd 5-7-5 und 7-7 Moren, entstanden in der Heian-Zeit (794-1185). Siehe auch chōrenga.
- rensaku
- Ein rensaku ist eine Sequenz aus mehreren Tanka (oder Haiku), die zusammen eine Einheit bilden (Siehe Tanka-Sequenzen).
- rokkasen
- Die sechs unsterblichen Dichtergenien des Tanka: Ariwara no Narihira, Ono no Komachi, die Mönche Henjō und Kisen, Otomo no Kuronushi und Fun'ya no Yasuhide.
- rōmaji
- Lateinumschrift; die Wiedergabe der Lautqualität und Aussprache japanischer Texte in lateinischer Schrift.
- sabishisa
- Eine ruhige Traurigkeit, insbesondere in Tanka des Shin Kokin Wakashū.
- sama
- Sama bezeichnet die Weise, wie verschiedene Aspekte eines Tanka harmonisch zusammenwirken, um ein wesentliches Gefühl zu vermitteln.
- sedōka
- Eine alte Liedform bestehend aus sechs Segmenten zu 5-7-7-5-7-7 Moren, oder anders ausgedrückt: zwei kata-uta (5-7-7). Durch diesen Aufbau eignete das sedoka sich besonders für Frage und Antwort. Der für die japanische Lyrik so wichtige Aspekt der Gemeinschaftsdichtung und des Dialoges wurde weitergeführt im Tanrenga und im Tanka-Dialog.
- senka-awase
- Ein Dichterwettstreit, zu dem bereits existierende Gedichte gepaart und in Runden beurteilt wurden. Der von Ex-Kaiser Go-Toba veranlasste Dichterwettstreit in 1.500 Runden war ein senka-awase. Das Material lieferten vorher in Auftrag gegebene hyakushu-uta.
- shasei
- Skizze nach dem Leben; ein Stil genauer gegenständlicher Beschreibung, der zurückgeht auf Masaoka Shiki (1867-1902). Er übernahm das shasei aus der Malerei seiner Zeit und wandte es auf Haiku und Tanka an.
- Shi
- Im klassischen Sinne:
"Gedicht"; Das Shi ist die klassische chinesische Gedichtform. Die Zeilen bestehen entweder aus je fünf oder je sieben Wörter (die im chinesischen monosyllabisch sind). Eine zusätzliche Gliederung erhält das Shi durch eine Zäsur vor dem jeweils drittletzten Wort einer Zeile: - - / - - - oder - - - - / - - -. Zeilen mit gerader Zahl reimen sich; in längeren Gedichten wechselt der Reimklang mit den Strophen. Die Worte erzeugen eine kunstvolle Harmonie von steigenden und fallenden Tönen. Es gibt einstrophige Shi mit vier Zeilen, zweistrophige mit acht Zeilen und schließlich mehrstrophige. Die meisten Shi sind jedoch recht kurz. Ein Gestaltungselement ist der Parallelismus an vorgegebenen Stellen. Das Studium der chinesischen Shi regte japanische Dichter dazu an, Kanshi zu schreiben und befruchtete die Tanka-Lyrik. - Im modernen Sinne:
Ein Gedicht in freien Rhythmen, siehe shintaishi. - shiika-awase
- Ein Dichterwettstreit, bei dem sowohl chinesische Gedichte (Kanshi) als auch Tanka geschrieben werden können.
- shikashū
- Eine persönliche Sammlung, in der die Gedichte einer Person (und Tanka, die sie in einem Briefwechsel erhielt) zusammengetragen wurden.
- shiki
- Die vier Jahreszeiten. Eine klassische Tanka-Kategorie.
- shintaishi
- "Gedicht im neuen Stil", kurz Shi genannt. Nachdem sie die westliche Lyrik kennengelernt hatten, erneuerten einige japanische Dichter der Meiji-Zeit (1868-1912) das klassische japanische längere Gedicht. Sie nannten es fortan shintaishi. Dieses moderne Shi verzichtet auf die klassische Schriftsprache; es benutzt freie Rhythmen und Umgangssprache.
- shōka
- Ein älteres Gedicht, das man als Präzedenzfall hinzuzog, um damit (z.B. in einem Dichterwettstreit) einen Aspekt eines neuen Gedichts zu verteidigen.
- shū
- Literarische Sammlung oder Anthologie.
- shūgihan
- Shūgihan bezeichnet einen Dichterwettstreit, bei dem die Gedichte von allen Teilnehmern gemeinsam beurteilt werden.
- shūku
- Ein Gedicht, das zuviele Wortspiele und zu "schöne" Sprache enthält.
- sugata
- Sugata meint die Gesamtstruktur eines Gedichtes.
- tabi no uta
- Reiselieder; Band 9 des Kokin Wakashū.
- taigendome
- Die Endung eines Tanka mit einem Substantiv.
- taketakaki-tei
- Der taketakaki-Stil ist ein gehobener, großartiger Stil, der den Eindruck einer großen Gebärde erzeugt. Er ist wie ein Bild majestätischer Berge oder landschaftlicher Weite.
- Tanka
- "Kurzes Lied", traditionell bestehend aus 5 Segmenten zu 5-7-5-7-7 japanischen Moren, die nicht ganz mit unseren Silben übereinstimmen. Im Westen werden die Segmente als Zeilen wiedergegeben. In der ältesten japanischen Lyrik-Sammlung wurden Tanka u.a. als Gegenlied zu chōka benutzt; im Laufe der Jahrhunderte stellte man sie oft zu Sequenzen zusammen. Das liedhafte Tanka ist die Hauptform der japanischen Lyrik, aus der Kettendichtung und Haiku hervorgingen. Klassische Tanka nennt man auch Waka.
- Tanrenga
- "Kurzes Kettengedicht"; ein Gedicht in der Form eines Tanka, dessen erste Zeilen (5-7-5) von einem Autor und dessen letzte Zeilen (7-7) von einem zweiten Autor verfasst werden. Zur Zeit seiner Entstehung hieß das Tanrenga noch Renga; dieser Name ging bald auf das zunehmend beliebtere chōrenga (langes Kettengedicht) über.
- tanshi
- "Kurzes Shi": Ein anderer Begriff für Tanka. Yosano Tekkan führte ihn ein, weil er das Tanka fortan als kleines Shi verstanden wissen wollte.
- tōza
- Tōza bezeichnet die Praxis, die Themen für einen Dichterwettstreit nicht vorher, sondern erst in der Versammlung bekanntzugegeben, so dass die Teilnehmer ihre Beiträge improvisieren mussten.
- tsukuri monogatari
- Fiktionale Prosa, die Gedichte enthält, aber die Grenzen der erfahrbaren Realität nicht sprengt.
- ushin
- Aufrichtiges Gefühl, Authentizität, Glaubwürdigkeit; besonders wichtig in Tanka über Liebe und Kummer. Ein unmittelbarer Ausdruck, der das ganze Gedicht prägt. Das Gefühl durchdringt Bilder und Sprache des Tanka. Einer von den 10 Stilen Fujiwara no Teikas, aber auch eine Forderung, die er an alle Lyrik stellte. Ushin kann auch als Gegenpol von mushin verstanden werden. Dann steht ushin für das Angemessene, Ernste, und mushin für Nonsense, Unangemessenes.
- uta
- Lied. Die japanischen Gedichtformen gelten alle als uta.
- uta-awase
- Dichterwettstreit.
- utakai
- Dichtertreffen, auch kakai.
- utakotoba
- Die poetische Sprache; die laut Konvention für das klassische Tanka zugelassenen Wörter.
- utamakura
- "Gedichtkopfkissen"; Namen berühmter Orte und Landschaften, die auf Grund eines Wortspiels, mit ihnen in Zusammenhang gebrachter Gedichte oder landschaftlicher Reize viele poetische Assoziationen hervorrufen.
- uta-monogatari
- "Gedicht-Erzählungen"
- 1) kurze Erzählungen, die in einem Gedicht münden;
- 2) Gedichtsammlungen mit einem Prosa-Kontext, oft fiktional aber angeblich auf wahren Begebenheiten beruhend. Die Prosa hat überwiegend die Funktion, die Gedichte einzuführen (Siehe Ise monogatari).
- uta-nikki
- Ein Tagebuch, das besonders viele Gedichte enthält. (Siehe Izumi Shikibu nikki)
- uta no yamai
- Siehe kabyō.
- Waka
- Waka bedeutet sowohl "japanisches Lied" als "harmonisches Lied". Unter Waka kann man verstehen:
- 1) das klassische Tanka;
- 2) alle Formen japanischer Lyrik: Tanka, chōka, sedōka usw.;
- 3) alle in japanischer Sprache geschriebenen Gedichte.
- Wakadokoro
- Das kaiserliche Amt für Waka.
- wakare no uta
- Abschiedslieder; Band 8 des Kokin Wakashū.
- yamato-kotoba
- Rein japanische Wörter im Gegensatz zu den sino-japanischen Wörtern, die im Tanka lange gemieden wurden.
- yōembi
- Ein ästhetisches Ideal ätherischer Schönheit, das Romantisches und feine Schattierungen zur Geltung bringt. Ein früher Stil Fujiwara no Teikas, der komplizierte Techniken erfordert und einen Anflug von Magie hat.
- yōen
- Ein früher Stil Fujiwara no Teikas, der seine Tanka in einer andeutenden, fast symbolistischen Sprache verfasste und ihnen mit Anspielungen auf bekannte Gedichte reiche, traumähnliche Schichten verlieh.
- yojō
- Nachhall.
- yomibito shirazu
- "Unbekannter Verfasser"; hat ein in einer Anthologie aufgenommenes Tanka diesen Vermerk bekommen, war der Verfasser entweder wirklich unbekannt, wünschte es zu bleiben oder sollte nicht namentlich in Erscheinung treten.
- yūgen
- Unter yūgen versteht man die unergründliche Tiefe der Dichtung. Es ist ein ästhetisches Ideal, insbesondere von Fujiwara no Shunzei. Der yūgen-Stil drückt Verlassenheit aus. Tiefe, unbenennbare Schönheit geht Hand in Hand mit Traurigkeit (Siehe sabishisa). In Kombination mit symbolhaften Naturbeschreibungen ist dieser Stil besonders wirksam.
- zareuta
- Spottgedicht.
- zō no uta
- "Vermischte Lieder"; Band 17 und 18 des Kokin Wakashū (auch: zōka, kusagusa no uta). Tanka, die nicht zu den Jahreszeiten- oder Liebesgedichten gehören oder solche, die nicht ohne weiteres den üblichen Kategorien zugeordnet werden können.
- zokugo
- Gewöhnliche bis vulgäre Sprache (im Gegensatz zu ga go), gern benutzt in Kyōka.
- zōtei
- Verschiedene Versformen; Band 19 des Kokin Wakashû. Langgedichte gehören dazu, ebenso sedōka und haikaika.
Erstellt am 28.12.2004 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010