Klassiker

Kakinomoto no Hitomaro (aktiv 689-700)

Hitomaro läutete die Ära der professionellen Dichter ein. Seine Tanka schafften den Sprung vom kultischen, formellen Rahmen zum persönlichen Zeugnis.

Leben und Werk

Um Hitomaro bildeten sich bereits zur Zeit des Manyōshū Legenden. Tatsächlich ist nicht mehr über ihn bekannt als aus seinen Gedichten hervorgeht. Anlässlich ritueller kaiserlicher Landbesichtigungen schrieb Hitomaro chōka und Tanka, in denen er das Land, die Natur und die kaiserliche Familie lobpreiste. In elegischen Langgedichten beklagte er den Tod einiger Mitglieder des Kaiserhauses. Man könnte ihn also quasi als den ersten berufsmäßigen Dichter betrachten. Hitomaro schrieb ebenfalls wunderbare Gedichte privater Natur, etwa über die Trennung von seiner Frau, den Tod einer zweiten Gattin und, bewegt vom Anblick ihrer sterblichen Überreste, über ihm unbekannte Reisende. Schenkt man weiteren Gedichten der Sammlung Glauben, starb auch Hitomaro auf Reisen und hinterließ eine Witwe. Diese Tanka sind jedoch nach der Art eines uta-monogatari arrangiert, was vermuten lässt, dass die Legendenbildung bereits mit ihnen ihren Lauf nahm.

Hitomaro verstand es wie kein anderer, makurakotoba und Parallelismen effektvoll einzusetzen. Überdies vollzog er den Schritt von der Dichtung als öffentliches, formelles und von Mythen geprägtes Ritual hin zum persönlichen, lyrischen Ausdruck. In späteren Jahrhunderten wurde er als Dichtergenie verehrt. Um seiner zu gedenken, fanden Treffen statt, bei denen man Hitomaros Porträt huldigte und Tanka darbot.

Eins seiner besten Tanka zeigt den Dichter am Biwa-See, hier benannt nach der damals schon verfallenen ehemaligen Hauptstadt, die einst an dessen Ufer errichtet worden war:

Ihr Regenpfeifer
über den abendlichen Wellen
des Ōmi-Sees,
wenn ihr ruft, neigt sich, Zwergbambus gleich,
auch mein Herz jener alten Zeit zu.

Kakinomoto no Hitomaro

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Yamanoe no Okura (660-ca. 733)

Okura war ein in der chinesischen Sprache versierter Dichter, der Dank seiner Bildung Karriere machte und vor allem Mensch blieb.

Leben und Werk

Okura erhielt eine gründliche chinesische Bildung, gelang mit einer Gesandtschaft nach China und wurde – zurück in der Heimat – in den Adelsstand erhoben. Aus seiner späteren Amtszeit als Landvogt auf Kyūshū datiert seine Freundschaft zu Ōtomo no Tabito. Okura schrieb chōka, Tanka und Kanshi.

Okuras zärtliche Gedichte über die Liebe zu seinen Kindern und wiederum andere, in denen er – äußerst ungewöhnlich für klassische japanische Dichter, aber in bester chinesischer Tradition – soziale Themen aufgreift, bereichern das Manyōshū um eine unverwechselbare Stimme. Dieses Gedicht trägt die Überschrift "Beim Verlassen eines Banketts".

Nun muss Okura
sich wirklich verabschieden;
sein Kind weint gewiss
und auch dessen Mutter
wird wohl auf ihn warten.

Yamanoe no Okura

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Ōtomo no Tabito (665-731)

Chinesische Einflüsse machen sich auch bei Tabito bemerkbar: in seinen Gedichten und seiner eleganten Art, Dichtertreffen nach chinesischem Vorbild zu veranstalten.

Leben und Werk

Tabito entsprang einem angesehenen Adelsgeschlecht. Als politisch erfolgreicher Gelehrter hatte er hohe Ämter inne, u.a. das des Generalgouverneurs von Kyūshū. Während seiner Amtszeit dort scharte er eine Reihe Dichter um sich, zu deren Kreis auch Okura gehörte. Tabito lud zu Dichtertreffen, etwa anlässlich der Pflaumenblüte: ein von der chinesischen Lyrik eingegebenes Unterfangen. Indes begann der Aufstieg der Fujiwara; das Geschlecht der Ōtomo verlor seinen Einfluss. Tabitos Enttäuschung, vielleicht auch die Trauer um seine verstorbene Frau, fand ihren Niederschlag in seiner bekannten Tanka-Sequenz über die Freuden des Weintrinkens. Dieses stark von der chinesischen Lyrik beeinflusste persönliche Zeugnis seiner Desillusion ist einzigartig in der japanischen Dichtung. Zirka 80 Gedichte des Autors erscheinen im Manyōshū.

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Yamabe no Akahito (aktiv 724-736)

Kein Ass im Schreiben von Langgedichten aber ein hervorragender Tanka-Dichter, der in der Natur mehr sah als ein Mittel zum Zweck: seine bildhaften Skizzen haben überdauert.

Leben und Werk

Der Hofdichter Akahito wird mit Hitomaro als Star des Manyōshū betrachtet. Wie jener begleitete auch er Kaiser und Hofstaat auf Reisen, was nicht ohne Auswirkung auf seine Langgedichte und Tanka blieb. Seine bildhafte Natur- und Landschaftsdichtung besticht durch genaue Schilderung. Dieses Tanka entstand anlässlich eines Ausflugs zum Naniwa Palast im Frühling des Jahres 734:

Die Herren reiten aus
zur kaiserlichen Jagd;
die Edelfrauen
lassen ihr rotes Gewand
schleifen über den reinen Strand.

Yamabe no Akahito

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Kasa no Iratsume (Mitte 8. Jh.)

Manche Dichter, deren Tanka in kaiserliche Sammlungen aufgenommen wurden, blieben aus welchen Gründen auch immer anonym. Kasa no Iratsumes Namen kennen wir, obwohl ihre Tanka gewiss nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren...

Leben und Werk

Von der Dame Kasa sind nur die 29 leidenschaftlichen Liebes-Tanka bekannt, die sie ihrem Geliebten Ōtomo no Yakamochi schickte. Er nahm 24 von ihnen ins Manyōshū auf; ein Hinweis darauf, wie fließend die Grenzen der formellen und informellen Lyrik waren. Nur zwei seiner Antwortgedichte sind hingegen überliefert. Möglicherweise hat er weitere nicht veröffentlichen wollen – oder ihre Affäre war tatsächlich eher einseitig. Jedenfalls muss Yakamochi die Tanka der Dame Kasa geschätzt haben, wie es auch spätere Dichterinnen taten, die sie sich zum Vorbild nahmen.

Wenn es Abend wird
nimmt meine Sehnsucht noch zu
denn dann erscheint
ganz als spräche es zu mir
das Bild meines Geliebten.

Kasa no Iratsume

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Ōtomo no Yakamochi (ca. 718-785)

Die zentrale Figur der frühen Tanka-Lyrik.

Leben und Werk

Yakamochi, einer der 36 Unsterblichen der Tanka-Dichtung, war Ōtomo no Tabitos Sohn. Wie sein Vater, den er als Kind nach Kyūshū begleitete, hatte er hohe Ämter inne. Mit dem Aufstieg der Fujiwara sah er jedoch seinen Stern niedergehen. Wenngleich keine Quelle ihn explizit als solchen erwähnt, wird Yakamochi gemeinhin als Kompilator des Manyōshū betrachtet. In dem Werk, dessen Material aus älteren Anthologien und ihm zugänglichen (Haus-)Sammlungen stammt, sind zirka 470 seiner Tanka und chōka enthalten. Yakamochis Gedichte zeugen von tiefem Empfinden. Sie entstanden mehrheitlich vor seinem 40. Lebensjahr.

Dieses Tanka von Yakamochi bricht mit der Konvention, den Frühling als heiter, den Herbst als eine Zeit der Wehmut anzusehen. Es ist ein Votum für Individualität:

Im friedlichen Licht
des hellen Frühlingstages
steigt eine Lerche empor;
schwer wird mir ums Herz, allein
in Gedanken versunken.

Ōtomo no Yakamochi

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Ono no Komachi (aktiv Mitte 9. Jh.)

Schön sei sie gewesen, heißt es. Lüstern, sagt man. Ihre Tanka sprechen eine andere Sprache: die einer begnadeten Dichterin.

Leben und Werk

Ono no Komachi ist die einzige Frau unter den rokkasen. Ihre biografischen Daten sind nicht endgültig geklärt; ihre Tanka werden jedoch zwischen 833 und 857 angesiedelt. Komachi gestaltete sie äußert kunstvoll; insbesondere im Umgang mit kakekotoba war sie sehr gewandt. Im Kokin Wakashū sind 18 Tanka von ihr enthalten; insgesamt 65 fanden ihren Weg in kaiserliche Sammlungen.

Komachi wird gemeinhin als eine ebenso passionierte wie kaltherzige Schönheit dargestellt. Eine von vielen Geschichten, die sich um ihre Person ranken, handelt von einem Verehrer, dem sie nahegelegt haben soll, in hundert aufeinanderfolgenden Nächten seine Aufwartung zu machen, wolle er schließlich von ihr erhört werden. Laut einer Erzähllinie war er in der hundertsten Nacht verhindert, da sein Vater starb; eine andere Fassung lässt ihn in jener Nacht jämmerlich erfrieren. Komachis sagenhafte Schönheit steht in scharfem Kontrast zur umherirrenden, verarmten und vom Geist ihres Verehrers gepeinigten Frau, als welche die ältere Dichterin geschildert wird. Angesichts ihrer leidenschaftlichen Liebes-Tanka mag eine solche Legendenbildung verständlich sein – gerechtfertigt ist sie nicht. Tatsächlich ist die femme fatal Komachi ein Konstrukt, das sein eigenes Leben führt. So sind drei ihrer Gedichte in Episoden des Ise monogatari eingebunden, wo sie der Figur einer lüsternen Dame in den Mund gelegt werden. Wiederum andere erscheinen womöglich erst durch die Art ihrer Anordnung in Sammlungen als Bestandteil von Liebes-Dialogen.

Kurz eingeschlafen,
sah ich meinen Geliebten;
seither schöpfe ich
meine ganze Zuversicht
aus dem, was man Träume nennt.

Ono no Komachi

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Sugawara no Michizane (845-903)

Ein Aufsteiger, aber auch ein Opfer von Hofintrigen, avancierte Michizane zu guter Letzt zur Gottheit mit eigenem Schrein.

Leben und Werk

Michizane entstammte einer nicht-adligen Familie. Ihren Aufstieg verdankten die Sugawara ihrer Gelehrsamkeit. Bestens mit der chinesischen Sprache und Literatur vertraut, schrieb Michizane neben Tanka hervorragende Kanshi. Er war ein Vertrauter des Kaisers Uda, der durch Michizane die Macht der Fujiwara zu brechen hoffte, und wurde unter Kaiser Daigo Großminister zur Rechten. Kaiser Uda beauftragte ihn, eine Anthologie zu kompilieren. Das Shinsen Manyōshū wurde 893 fertiggestellt. Eigentlich hätte Michizane auch das Kokin wakashū vorbereiten sollen; dazu kam es jedoch nicht mehr: Eine Intrige des Großministers zur Linken, Fujiwara Tokihira, brachte ihn zu Fall. In der Folge wurde Michizane nach Kyūshū ins Exil geschickt, wo er nach zwei Jahren in Armut starb. Seither schien Tokihiras Familie vom Unglück verfolgt, was man dem an Michizane verübten Frevel zuschrieb. Um dessen Rachegeist zu beschwichtigen und somit weiteres Unheil abzuwenden, wurde der Kitano-Schrein errichtet. Bis heute wird Michizane im ganzen Land als Gott der Gelehrsamkeit verehrt.

Nach den Wipfeln
im Garten Eures Hauses
sah ich mich
im Fortgehn immer wieder um,
bis sie zuletzt entschwanden

Sugawara no Michizane

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Die Dame Ise (ca. 877-ca. 938)

Ise fiel zu Teil, was einigen sehr begabten Nachfolgerinnen verwehrt blieb: Ruhm, der auf ihre Dichtkunst fußte und nicht von Legenden über ihre Schönheit und Moral überschattet wurde.

Leben und Werk

Die Dame Ise wurde in eine berühmte Gelehrtenfamilie hineingeboren, die einem ehemals bessergestellten Zweig der Fujiwara angehörte. Ihrem intellektuellen Umfeld und dem Umstand, dass ihr Vater es u.a. zum Gouverneur von Ise gebracht hatte, ist zu verdanken, dass sie unter dem Namen "Ise" zu Ruhm gelangte. Sie trat als Hofdame in den Dienst von Onshi, der Hauptfrau Kaiser Udas. Deren Bruder Nakahira umwarb das junge Mädchen, heiratete aber eine andere. Als seine Besuche ausblieben, zog Ise für einige Zeit zu ihrem Vater in Yamato. Bald nahm sie ihren Dienst wieder auf, und nun war es Nakahiras älterer Bruder Tokihira, der ihr den Hof machte. Sie wies ihn ab; Kaiser Uda aber gebar sie einen Sohn, der im Kindesalter starb. Der Kaiser dankte 897 ab. Wie er es schon während seiner Amtszeit gewohnt gewesen war, richtete er auch weiterhin Dichterwettstreite aus, an denen Ise sich rege beteiligte. 907 starb Onshi, woraufhin Ise den Hof verließ, um deren Tochter Prinzessin Kinshi zu dienen. Zwischen Kinshis Gemahl Prinz Atsuyoshi (einem Sohn Udas) und Ise entwickelte sich eine Beziehung, die etwa zwanzig Jahre währte. 930 starben sowohl Atsuyoshi als ihre gemeinsame Tochter Nakatsukasa in rascher Folge.

Zu Lebzeiten und in späteren Jahrhunderten genoss Ise, die dank ihrer Position und ihres Talentes mit den herausragendsten Dichtern zusammenkam, hohes Ansehen. Nicht nur fand eine große Zahl ihrer Tanka Aufnahme in kaiserliche Sammlungen, drei Tanka von ihrer Hand erscheinen in einem von Kaiser Go-Toba zusammengestellten Dichterwettstreit der Dichtergenien, eins (siehe unten) in Teikas Ogura Hyakunin isshu; sogar im Roman Genji monogatari wird sie zitiert. Bei dem von Ex-Kaiser Uda ausgerichteten Teiji-in no uta-awase war sie u.a. betraut mit dem Verfassen des Protokolls, das als Vorlage für zukünftige Wettstreitberichte dienen sollte. Zudem verfasste Ise viele Tanka für Stellschirme.

Nicht einmal so kurz
wie der Raum zwischen den Knoten
des Schilfrohrs
der Lagune von Naniwa
sollen wir uns treffen können?

Die Dame Ise

Literatur

  • Helen Craig McCullough: Ōkagami. The great mirror. Princeton Univ. Pr. Princeton, N.J. 1980
  • Ian Hideo Levy: Hitomaro and the birth of Japanese lyricism. Princeton NJ 1984
  • Marianne Lewinsky-Sträuli: Japanische Dämonen und Gespenster. Geschichten aus zwölf Jahrhunderten. Eugen Diederichs Verlag
  • Judit Árokay: Poetik und Weiblichkeit. Japans klassische Dichterinnen in Poetiken des 10. bis 15. Jahrhunderts. Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens e.V. Hamburg 2001.

Erstellt am 31.01.2010 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010

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