Tanka
- Ingrid Kunschke: Tanka ~
- Sequenzen
Tanka
2009
"So müd, so müd,
für alles zu müde..."
– Hätte ich Worte
wie Daunen, ein Nest
webte ich dir ins Schilf
Nichts zu sehen
von meinen Geschichten,
ihren Helden –
wider besseren Wissens
studiere ich mein Röntgenbild
Schmerz hat sich
auf meine Schulter gesetzt:
sein Schnabel
eine Gefahr fürs Auge,
seine Klauen verheerend
Gusts No. 10
Winter 2009
was machen
an diesem dunklen Tag?
einen Teig
würz ich mit Kardamom
und fange an zu kneten
manchmal, heimlich,
setz ich es mit an den Tisch;
ungeboren
blickt es umher, das Kind,
und baumelt mit den Beinchen
2007-2008
Ungewohnt,
die weichen Pastelle
aber langsam
lege ich Ton über Ton
Leben in deine Züge
Taubenschlag
Juni 2007
hat denn
keiner von uns ein Lied?
aber die Amsel,
so gefragt,
schaut mich nur stumm an
Gusts No. 10
Winter 2009
gut fünfzehn Jahre
bin ich verheiratet –
eine Mulde
im Schneidebrett
wo ich Kräuter hacke
"Bis bald"
beende ich den Brief,
und wieder
"Bis bald" um ja noch
kurz bei dir zu sein
Gusts No. 10
Winter 2009
der Wind
hat heut' diese Würze
vom Meer
von den Dünen
von 'er denkt an mich'
World Haiku Review
Winter 2009
Ich sammle Kätzchen
von den Weiden, nehme sie
als Unterpfand
knüpfe Lieder in die Zweige,
lass sie wehen übers Land
2006
Ganz egal
wie schnell ich renne:
in dem Moment
wo Vater stürzt, stürzt er
viel zu weit von hier
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
Heute im Regen
treten sie deutlich hervor,
Farben und Adern
der Kiesel am Weg
zur Intensiv-Station
Haiku heute
September 2006
Drei, vier Möwen
scherten am Fenster vorbei
und eine sah
bange zu uns herein –
so wollt es mir scheinen
Haiku heute
September 2006
Die Stirn kühlen
an einem kalten Glas
sie spiegeln
in einem Wasserspiel
nur so, im Vorbeigehen
In der Sonne
platzen Kiefernzapfen
knisternd auf,
lasse ich nach und nach
meine Gespenster ziehen
Haiku heute
September 2006
Aus Übersee
ein Päckchen vielleicht
darin ein Fächer:
welche Kühle würde mir
schon beim Öffnen zuteil
Haiku heute
September 2006
Auf nasser Tafel
prangt flatternd die Fahne
Rot, Weiß und Blau
leuchten langsam auf
für das Geburtstagskind
Per Unterschrift
gelobe ich diesem Staat
nicht sein Feind zu sein
– So also empfängt man jene,
die nur ankommen wollen
In unser Gespräch
still hineingesickert:
frisches Blut
aus dem Krebsgeschwür
in Vaters Gesicht
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
Genau der Vater
wie gern ich das hörte;
genau wie er
trag ich meine Wunden
nicht offen zutage
Haiku heute
September 2006
Der Ruf
Du Dreckchinese!
der mich
die Akazien blühten
so unerwartet traf
Haiku heute
September 2006
Warum heute
kommt es mir in den Sinn
unerreichbar
mehr noch als damals
das Kleid im Jackie-Look
Zur Nacht
steigen sie im Meer empor
Tiefseewesen
träge hinübergleitend
finde ich in einen Traum
Haiku heute
September 2006
Wie schön
die Arme der Lehrerin,
voller Schwung
malt sie die Fahne
frei an die Tafel
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
Die Hand
noch immer nicht gedrückt
zum Zeichen
dass ich willkommen bin
ballt sich zur Faust
Der Wind
hat heut einen anderen
Ton
in der Heimat
schneiden sie wohl das Schilf
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
2004-2005
Nun auch die Bäume
ihre Säfte einziehen
und in den Wipfeln
das Licht zu wohnen scheint,
fährt der Wind weiß ums Haus
Vuursteen
Jahrgang 24 Heft 3, 2004
Eine Ranke
des Je-länger-je-liebers
erklomm die Traufe;
geladen bin ich zum Duft
einer einzigen Blüte
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
Nächte ohne den Duft
des Je-länger-je-liebers
und die Frage:
Wann gab ich das Sehnen auf,
begann ich nach vorn zu schauen?
Hermitage
Volume III, 2006
Auf ein Wort
wende ich mich zum Himmel;
wie kann es sein,
dass ein Nieselregen
mich küsst und hält?
Hermitage
Volume III, 2006
Gewiss gibt es
da einen Parasiten
in meinem Rückgrat
– Gedanken solcher Art
beim Betrachten der Decke
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
Wann immer ich
ins Zimmer meiner Tochter schau,
ist dort ein Tiger,
der aus einem Poster springt
ihre Träume zu hüten
World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005
Ganz kurz
saß dort eine Meise
ganz kurz
fiel glitzernd
etwas Reif herab
Ausmisten
alter Zettel
meine Gedanken
gleichen
den Eichhörnchen
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
Vergebens wartend
entfalte & falte ich
meine Serviette:
eine sehr rote Blume
ein sehr zerknitterter Fuchs
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
Unter ihrer Last
hat sich die junge Birke
langsam gekrümmt;
die Zweige reichen hinab
in den verharschten Schnee
Worte wie Watte,
sie kleben am Gaumen
und ratlos
bring ich sie endlich heraus:
tote Vögel gut gemeint
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
In einer Beere,
die ich am Wegrand pflückte
genug Sonnenlicht
mich daran zu betrinken
an diesem kürzeren Tag
Vuursteen
Jahrgang 24 Heft 3, 2004
Einen Apfel geschält
und in Stücke geschnitten,
Beeren gepflückt
und sie langsam gegessen:
alle Schmerzen abgelegt
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
Ein schwarzes Kätzchen
das durch die Zimmer schleicht
und sich davonstiehlt –
so umfängt uns die Nacht
auch diesmal wohlgesinnt
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
Nach dem Fieber
beschließe ich
wieder Mutter zu sein;
Schweiß perlt an Rücken und Brust
beim bloßen Gedanken
World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005
Um nachzuschauen
ist er heute erschienen
der tote Hase
den ich als Kind gesehn
im Zwielicht meines Zimmers
World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005
Mit einem Fuchs,
der umherschweift
weit draußen
in den nordischen Wäldern,
bin ich wohl verwandt
Nicht im Stande
meinen Kopf zu heben
sinne ich
jedem Geräusch nach
bis es aus Kristall ist
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
Aus dichten Wolken
die Schreie der Kraniche;
in dieser Kälte
weit und breit kein Ort
für ihre nächtliche Rast
6th Hoshi-to-Mori
International Tanka Contest 2004
Supplementary Award
2003
Wie der Verkäufer
diese Gedichte einschlägt
in glatt braunes Papier
muss ich an Havel denken
und mein Herz wird sie lernen
Flugs verdunkelt
ein Vogelschwarm den Himmel
und gibt ihn dann frei
für alle Schattierungen
der Liebe, die ich hege
Wildgänse teilen
mit ihren Schwingen die Nacht;
in kurzen Träumen
zerrt der Wind an meinem Leib,
rufe ich deinen Namen
World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005
Meine Hände
die kraftlosen nutzlosen
lange betrachtend
sind 's die uralten Lieder
aus denen sie schöpfen
World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005
Ein plötzlicher Drang
meine Lieder dem Wind
zu überlassen,
der klaren Morgenluft und
den wogenden Gräsern
Einmal mehr
blühen die Schneeglöckchen
ganz wie sonst
im letzten Winterwind
ist auch auf Mutter Verlass
Tag für Tag
begrüße ich von neuem
diesen tauben Arm
der sich für meinen ausgibt
bis ich's zufrieden bin
Dieses Jahr nun
sind es die Kinder, die mich
aufmerksam machen
auf die Stimmen der Schwäne,
das Rauschen ihrer Flügel
World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005
Neue Bandagen
statt fleischfarben
wähle ich TITAN
bedeutend „Nehmt euch in acht
vor der Bionischen Frau”
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
2001-2002
Verliebt, verlobt, ver...
mit einem Lachen beginnt
es einfach von vorn:
im Rund eines Springseils
steckt mein Kind sein Leben ab
Die kleinen Falter,
wie leicht schwirren sie umher
so ganz ohne Ziel –
warum erschrecke ich dann,
wenn mich ihre Flügel streifen?
Vuursteen
Jahrgang 24 Heft 3, 2004
In meinem Garten
werde ich wieder Kind,
liegend im Gras
zwischen Stimmen von früher
und Mutters Maiglöckchen
Das Weiß der Enten –
unter unseren Schritten
schwingt sacht die Brücke:
Hand im Händchen lotst mein Kind
mich durch einen grauen Tag
Feine Fäden,
schwebend von Baum zu Baum
spinnen sie uns ein –
lasst uns zusammenrücken,
denn es riecht schon nach Herbst
Wenn es dunkel wird,
tief tief in meinem Herzen,
schließ ich die Augen;
dann spielt das Kind in mir
auf der Holunderflöte
Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006
Ein Karpfenrücken –
stumm verschwindet der Fisch
in sein kühles Reich;
auch ich kehre um, gehüllt
in tieferem Schweigen
Plötzlich dein Blick
auf die Linie meines Halses –
kein Spielverderber
rücke ich meine Lenze
schamlos ins beste Licht
World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005
Erstellt am 21.01.2010 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010