Tanka

Tanka

2015 – 2016

wie Scheuklappen
wohl ein Pferd beruhigen?
meine Augen
hinter der Lochbrille
halte ich fest geschlossen

Gusts No. 22
Winter 2015

Augen, Augen,
nur noch von Augen
kann ich schreiben!
in meinen Füller zieh ich
eine andere Tinte auf

Gusts No. 22
Winter 2015

wie man Abstand hält
zu einem verletzten Tier,
wartet, ob es
einen heranlässt – nur dass
man fernbleibt, ich kein Tier bin

nun endlich
eine Verwendung
fürs Handy:
ich verbinde mein Kind
mit einem Vogelnest

Probieren Sie!
und so schäle ich also
die Longan-Frucht –
mein gutes Auge sieht
furchtlos in das des Drachen

Gusts No. 22
Winter 2015

Lass mich, Mutter,
dir helfen, und lass uns
vergessen
deine Brüste, die weichen,
beim Kleiden eben gestreift

Gusts No. 23
Summer 2016

den Tischläufer
mit den Wintervögeln
streiche ich glatt –
wäre doch alles so leicht
zu benennen, zu richten

Rückenwind
oder Gegenwind
meine Wünsche
werden zu dir finden –
spürst du die Tundra, das Meer?

Gusts No. 24
Winter 2016

2013 – 2014

alle Fenster
des leeren Hauses öffnen
sich leicht –
herein strömt der Morgen
zum Duft des Schnees

Skylark
Sommer 2014

folgen sie
im Dunkeln dem Fluss?
Kraniche rufen
zu Hunderten, Tausenden,
unterm abnehmenden Mond

Gusts No. 18
Sommer 2014

in einem Schwarm
fliegt das Zwitschern davon –
die Kirsche
hebt und senkt ihre Zweige
als atme sie langsam durch

dieser Atem
den wir teilen mit T-rex
und Pythia
ein Teil der Brandung
ein Lied das nicht verklingt

Chrysanthemum 15
April 2014

vor meiner Zeit
wogte hier der Weizen;
das ganze Zimmer
schreite ich ab, streife mit
beiden Händen die Halme

Skylark
Sommer 2014

hineingefaltet
in diese Päonie
Schatten
von dem, was war und
dem, was kommen mag

Gusts No. 18
Sommer 2014

irgendwo unter
jenen Sternen fliegen sie
grus grus
ist alles, was ich höre
bis weit nach Mitternacht

2012

von den Wänden
die Tapeten schälen, vom Haus
die Vergangenheit –
am Ende des Tages
ist's wie Exorzismus

Gusts No. 17
Sommer 2013

wie sorgen
für ein Tränendes Herz?
zurückschneiden
nach der Blüte heißt es
also schneid ich und schneide

Gusts No. 16
Winter 2012

blassblau
dieses Gelege, verlassen
vor einem Jahr
Fukushima, deine Küsten
und Träume erschüttert

genau unter
dem Bleiglasfenster
ein Vogelnest
wartend auf seinem Vogel
warte ich auf Knospen

Gusts No. 17
Sommer 2013

kurz sichtbar
als er das Licht einfängt
ein kleiner Fisch
zupft etwas vom steinernen
Gesicht des Flussgottes

Gusts No. 16
Winter 2012

2011

in diesem Land
dem Meer abgerungen,
anheimgefallen,
und ihm standhaltend:
Leute, die Tanka küren

Gusts No. 14
Winter 2011

beim Teig kneten
bin ich eine Frau
geduldig
gebe ich jedem Laib
die Form einer Vulva

Gusts No. 13
Sommer 2011

2010

den Winter satt
schau ich durch eine Murmel:
das Abendrot,
die Ringe des Saturns,
Blasen unter dem Packeis

Gusts No. 12
Winter 2010

mitunter
nur ein Sack Knochen
dann wiederum
      tidelum tidelum
        tidelum tum tum

eingetreten
durch Maiglöckchenduft
steh ich pardauz
in Mutters Küche, die Tür
zur Zukunft weit offen

Gusts No. 12
Winter 2010

und wenn ich
über Raps und Wälder
hinweg winkte,
wäre dir da, als neigte
sich das Schilf zum Gruß?

Taubenschlag
Juni 2010

2009

"So müd, so müd,
für alles zu müde..."
– hätte ich Worte
wie Daunen, ein Nest
webte ich dir ins Schilf

Schmerz hat sich
auf meine Schulter gesetzt:
sein Schnabel
eine Gefahr fürs Auge,
seine Klauen verheerend

Gusts No. 10
Winter 2009

Nichts zu sehen
von meinen Geschichten,
ihren Helden –
wider besseren Wissens
studiere ich mein Röntgenbild

was machen
an diesem dunklen Tag?
einen Teig
würz ich mit Kardamom
und fange an zu kneten

manchmal, heimlich,
setz ich es mit an den Tisch;
ungeboren
blickt es umher, das Kind,
baumelt mit seinen Beinen

Fire Pearls 2
Juni 2013

und wieder
ist im Spucknapf
helles Blut –
rostfarben verweht
vorm Fenster der Herbst

2007-2008

Ungewohnt,
die weichen Pastelle
aber langsam
lege ich Ton über Ton
Leben in deine Züge

Taubenschlag
Juni 2007

hat denn
keiner von uns ein Lied?
aber die Amsel,
so gefragt,
schaut mich nur stumm an

Gusts No. 10
Winter 2009

gut fünfzehn Jahre
bin ich verheiratet –
eine Mulde
im Schneidebrett
wo ich Kräuter hacke

Fire Pearls 2
Juni 2013

"Bis bald"
beende ich den Brief,
und wieder
"Bis bald" um ja noch
kurz bei dir zu sein

Gusts No. 10
Winter 2009

der Wind
hat heut' diese Würze
vom Meer
von den Dünen
von 'er denkt an mich'

World Haiku Review
Winter 2009

Ich sammle Kätzchen
von den Weiden, nehme sie
als Unterpfand
knüpfe Lieder in die Zweige,
lass sie wehen übers Land

2006

Ganz egal
wie schnell ich renne:
in dem Moment
wo Vater stürzt, stürzt er
viel zu weit von hier

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

Heute im Regen
treten sie deutlich hervor,
Farben und Adern
der Kiesel am Weg
zur Intensiv-Station

Haiku heute
September 2006

Drei, vier Möwen
scherten am Fenster vorbei
und eine sah
bange zu uns herein –
so wollt es mir scheinen

Haiku heute
September 2006

Die Stirn kühlen
an einem kalten Glas
sie spiegeln
in einem Wasserspiel
nur so, im Vorbeigehen

In der Sonne
platzen Kiefernzapfen
knisternd auf,
lasse ich nach und nach
meine Gespenster ziehen

Haiku heute
September 2006

Aus Übersee
ein Päckchen vielleicht
darin ein Fächer:
welche Kühle würde mir
schon beim Öffnen zuteil

Haiku heute
September 2006

Auf nasser Tafel
prangt flatternd die Fahne
Rot, Weiß und Blau
leuchten langsam auf
für das Geburtstagskind

Per Unterschrift
gelobe ich diesem Staat
nicht sein Feind zu sein
    – So also empfängt man jene,
    die nur ankommen wollen

In unser Gespräch
still hineingesickert:
frisches Blut
aus dem Krebsgeschwür
in Vaters Gesicht

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

Genau der Vater
wie gern ich das hörte;
genau wie er
trag ich meine Wunden
nicht offen zutage

Haiku heute
September 2006

Der Ruf
    Du Dreckchinese!
der mich
die Akazien blühten
so unerwartet traf

Haiku heute
September 2006

Warum heute
kommt es mir in den Sinn
unerreichbar
mehr noch als damals
das Kleid im Jackie-Look

Zur Nacht
 steigen sie im Meer empor
    Tiefseewesen
        träge hinübergleitend
                 finde ich in einen Traum

Haiku heute
September 2006

Wie schön
die Arme der Lehrerin,
voller Schwung
malt sie die Fahne
frei an die Tafel

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

Die Hand
noch immer nicht gedrückt
zum Zeichen
dass ich willkommen bin
ballt sich zur Faust

Der Wind
hat heut einen anderen
Ton
in der Heimat
schneiden sie wohl das Schilf

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

2004-2005

Nun auch die Bäume
ihre Säfte einziehen
und in den Wipfeln
das Licht zu wohnen scheint,
fährt der Wind weiß ums Haus

Vuursteen
Jahrgang 24 Heft 3, 2004

Eine Ranke
des Je-länger-je-liebers
erklomm die Traufe;
geladen bin ich zum Duft
einer einzigen Blüte

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

Nächte ohne den Duft
des Je-länger-je-liebers
und die Frage:
Wann gab ich das Sehnen auf,
begann ich nach vorn zu schauen?

Hermitage
Volume III, 2006

Auf ein Wort
wende ich mich zum Himmel;
wie kann es sein,
dass ein Nieselregen
mich küsst und hält?

Hermitage
Volume III, 2006

Gewiss gibt es
da einen Parasiten
in meinem Rückgrat
    – Gedanken solcher Art
    beim Betrachten der Decke

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

Wann immer ich
ins Zimmer meiner Tochter schau,
ist dort ein Tiger,
der aus einem Poster springt
ihre Träume zu hüten

World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005

Ganz kurz
saß dort eine Meise
ganz kurz
fiel glitzernd
etwas Reif herab

    Ausmisten
         alter Zettel
meine Gedanken
             gleichen
                         den      Eichhörnchen

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

Vergebens wartend
entfalte & falte ich
meine Serviette:
eine sehr rote Blume
ein sehr zerknitterter Fuchs

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

Unter ihrer Last
hat sich die junge Birke
langsam gekrümmt;
die Zweige reichen hinab
in den verharschten Schnee

Worte wie Watte,
sie kleben am Gaumen
und ratlos
bring ich sie endlich heraus:
tote Vögel gut gemeint

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

In einer Beere,
die ich am Wegrand pflückte
genug Sonnenlicht
mich daran zu betrinken
an diesem kürzeren Tag

Vuursteen
Jahrgang 24 Heft 3, 2004

Einen Apfel geschält
und in Stücke geschnitten,
Beeren gepflückt
und sie langsam gegessen:
alle Schmerzen abgelegt

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

Ein schwarzes Kätzchen
das durch die Zimmer schleicht
und sich davonstiehlt –
so umfängt uns die Nacht
auch diesmal wohlgesinnt

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

Nach dem Fieber
beschließe ich
wieder Mutter zu sein;
Schweiß perlt an Rücken und Brust
beim bloßen Gedanken

World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005

Um nachzuschauen
ist er heute erschienen
der tote Hase
den ich als Kind gesehn
im Zwielicht meines Zimmers

World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005

Mit einem Fuchs,
der umherschweift
weit draußen
in den nordischen Wäldern,
bin ich wohl verwandt

Nicht im Stande
meinen Kopf zu heben
sinne ich
jedem Geräusch nach
bis es aus Kristall ist

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

Aus dichten Wolken
die Schreie der Kraniche;
in dieser Kälte
weit und breit kein Ort
für ihre nächtliche Rast

6th Hoshi-to-Mori
International Tanka Contest 2004
Supplementary Award

2003

Wie der Verkäufer
diese Gedichte einschlägt
in glatt braunes Papier
muss ich an Havel denken
und mein Herz wird sie lernen

Flugs verdunkelt
ein Vogelschwarm den Himmel
und gibt ihn dann frei
für alle Schattierungen
der Liebe, die ich hege

Wildgänse teilen
mit ihren Schwingen die Nacht;
in kurzen Träumen
zerrt der Wind an meinem Leib,
rufe ich deinen Namen

World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005

Meine Hände
die kraftlosen nutzlosen
lange betrachtend
sind 's die uralten Lieder
aus denen sie schöpfen

World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005

Ein plötzlicher Drang
meine Lieder dem Wind
zu überlassen,
der klaren Morgenluft und
den wogenden Gräsern

Einmal mehr
blühen die Schneeglöckchen
ganz wie sonst
im letzten Winterwind
ist auch auf Mutter Verlass

Tag für Tag
begrüße ich von neuem
diesen tauben Arm
der sich für meinen ausgibt
bis ich's zufrieden bin

Dieses Jahr nun
sind es die Kinder, die mich
aufmerksam machen
auf die Stimmen der Schwäne,
das Rauschen ihrer Flügel

World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005

Neue Bandagen
statt fleischfarben
wähle ich TITAN
bedeutend „Nehmt euch in acht
vor der Bionischen Frau”

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

2001-2002

Verliebt, verlobt, ver...
mit einem Lachen beginnt
es einfach von vorn:
im Rund eines Springseils
steckt mein Kind sein Leben ab

Die kleinen Falter,
wie leicht schwirren sie umher
so ganz ohne Ziel –
warum erschrecke ich dann,
wenn mich ihre Flügel streifen?

Vuursteen
Jahrgang 24 Heft 3, 2004

In meinem Garten
werde ich wieder Kind,
liegend im Gras
zwischen Stimmen von früher
und Mutters Maiglöckchen

Das Weiß der Enten –
unter unseren Schritten
schwingt sacht die Brücke:
Hand im Händchen lotst mein Kind
mich durch einen grauen Tag

Feine Fäden,
schwebend von Baum zu Baum
spinnen sie uns ein –
lasst uns zusammenrücken,
denn es riecht schon nach Herbst

Wenn es dunkel wird,
tief tief in meinem Herzen,
schließ ich die Augen;
dann spielt das Kind in mir
auf der Holunderflöte

Simply Haiku
Volume 4 Number 4, 2006

Ein Karpfenrücken –
stumm verschwindet der Fisch
in sein kühles Reich;
auch ich kehre um, gehüllt
in tieferem Schweigen

Plötzlich dein Blick
auf die Linie meines Halses –
kein Spielverderber
rücke ich meine Lenze
schamlos ins beste Licht

World Haiku Review
Volume 5 Issue 1, 2005

Erstellt am 21.01.2010 ~ Zuletzt geändert am 14.02.2017

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