Sequenzen
Vorbei
Tag für Tag
fahren die Züge vorbei
werfen Reisende
matt einen flüchtigen Blick
auf was ich liebgewonnen
Tag für Tag
eilen die Züge vorbei;
im Schlaf noch
bin ich denen nah
die unterwegs sind
Tag für Tag
gleiten die Nebel vorbei
und jene
die hierher gebracht
in die Stille einzugehn
Tag für Tag
betören diese Hügel
wo sie damals
denn Arbeit macht frei
leicht fährt man vorbei
Tag für Tag
backe ich das Brot, streue
das Salz
stehn kupfern die Wälder
an den Hängen
ist zu laut ist zu leise
das Gellen der Geleise
Schnee
Ein Grab aushebend
in gefrorener Erde,
um wieviel müder
wirkt der Mann mit der Schippe
da die Maße so klein sind
"Es war ein Mädchen"
ist alles, was man hörte
– Ein Mädchen zu sein
und aus Mutters Schoß sofort
in die Kälte einzugehn
Jenes Land,
in dem ich einst aufblühte
und liebhatte,
birgt jetzt unter Schneeschichten
den Leichnam eines Kindes
Ich seh dich schlafen
in einem kleinen Sarg
um ihn herum
das dunkle Erdreich, den Schnee,
deine Eltern schwarz und blass
Alles zudeckend
fällt unentwegt der Schnee
schweigt die Welt still,
aber kein Leichentuch
ist jemals sanft genug
Das Geräusch des Schnees
dringt nicht an ihre Ohren;
kühl gebettet
hört sie auch im Sommer nicht
die leichten Schritte der Kinder
Daheim die Wiege,
soviel leerer als bislang
als noch ein Spiel schien,
was sich jetzt gewendet hat –
und das Weiß der letzten Milch
Wie lang bleibt der Schmerz
um dieses Kind, das fort ist,
wie lange sein Duft?
Beharrlich folgt mein Blick
einer Flocke im Treiben
*
Aus dichten Wolken
die Schreie der Kraniche;
in dieser Kälte
weit und breit kein Ort
für ihre nächtliche Rast
Unter ihrer Last
hat sich die junge Birke
langsam gekrümmt;
die Zweige reichen hinab
in den verharschten Schnee
Blicke
Im Vorbeigehen
grüße ich die Freundin
– ihr Make-up
wie wir es trugen
in der Psychiatrie
Jenen Korridor,
dessen Leuchten die Schatten
mal vor, mal hinter
mich warfen: im Geiste
schreit' ich ihn noch einmal ab
Eingetreten
durch die innerste Türe
verlor ich
jeden Begriff für
die genaue Jahreszeit
Das Bett, den Schrank,
die Neue im Zimmer –
eines aber
zeigt man zuletzt: bis wo
man zum Abschied mitgehn darf
Blicke
diskret fahndend nach
Spuren des Wahns
in meinem jungen Gesicht:
Jetzt hielte ich ihnen stand
Erstellt am 21.01.2010 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010