Tanka zum Mitschreiben
- Der Tankabaukasten ~
- Reinen Tisch machen ~
- Vom Thema zum Entwurf ~
- Der Feinschliff ~
- Der Einschub ~
- Kakekotoba und pivot line
Folge 5: Der Einschub
Manche Tanka sind im Grunde ganz annehmbar – der Inhalt stimmt, der Ton ebenfalls, die Idee ist gut –, trotzdem plätschern sie dahin. Sie sind nicht wirkungsvoll gestaltet. Mit der richtigen Stilfigur kannst du Abhilfe schaffen. Heute zeige ich dir das am Beispiel des Einschubes, auch Parenthese genannt.
Ein Einschub ist grammatikalisch selbständig und unterbricht den Satz, in den du ihn einschiebst, verändert aber nicht dessen Satzbau. Der erste Satz dieser Folge enthält einen Einschub; er ist von Gedankenstrichen umschlossen.
In einem Gedicht von gerade mal fünf Zeilen Länge kann ein Einschub leicht wie ein Fremdkörper wirken. Achte deshalb darauf, dass dein Tanka nicht zerfällt. Ich zeige dir mal, wie ich das im folgenden Tanka gelöst habe.
Der Ruf
Du Dreckchinese!
der mich
die Akazien blühten
so unerwartet traf
Die Zeilen a, c und e bilden das Gerüst: Der Ruf / der mich / so unerwartet traf.
Zeile b präzisiert, sie gibt den Wortlaut wieder. Ich habe sie eingerückt und kursiv gesetzt, damit die Beleidigung auch optisch hervorgeschleudert wird. So hat sie, finde ich, mehr Wucht als wenn ich sie brav linksbündig eingebunden hätte. Das Ausrufezeichen in b sticht als einziges Satzzeichen im Tanka hervor.
Der Einschub in Zeile d steht dagegen linksbündig und ist ausnahmsweise nicht durch Gedankenstriche, Klammern oder Kommata vom Rest des Tanka abgesetzt. Ich wollte ihn möglichst nahtlos einbinden, damit sich beide Eindrücke, die ins Mark treffende Beleidigung und die blühenden Akazien, untrennbar miteinander verbinden.
Das ist schließlich, was in einer solchen Situation passiert; die Wahrnehmung ist gesteigert und Details brennen sich ein. Denke ich an den Vorfall zurück, blühen wieder die Akazien, unter denen ich als Kind herging. Gehe ich unter Akazien, gehe ich geduckt, als könnte mich jederzeit etwas treffen.
Der Einschub fügt in diesem Fall ein kontrastierendes Bild hinzu, das aus dem Tanka mehr macht als nur eine Erinnerung. Es zeigt nun, wie Unbefangenheit verloren geht, wie ein Moment sich ständig wiederholt und einmal gesprochene Worte bis in die Zukunft hineinreichen.
Klanglich habe ich den Einschub durch die vielen d und t eingebunden. Die weicheren d weichen inmitten der Blüten den scharfen t der Realität. Die Akazien sind übrigens Robinien, die in unseren Breiten oft fälschlich so genannt werden, was ich als Kind nicht wusste. Obwohl "Akazien" also falsch ist, fand ich es glaubwürdiger, es beizubehalten.
Fußnoten
Das Tanka wurde erstveröffentlicht in Haiku Heute, September 2006.
Wenn ich ein eigenes Tanka als Anschauungsmaterial bringe, dann weil ich es halt schnell zur Hand habe und es mir kein Kopfzerbrechen wegen Urheberrechten bereitet. Ich zeige daran, wie ich etwas gelöst habe. Damit will ich nicht behaupten, das Tanka sei in jeder Hinsicht gelungen und es gäbe keine bessere Herangehensweise. Ein andermal werde ich vielleicht eins auseinandernehmen. Betrachte die Gedichte kritisch, wie du hoffentlich auch meine Erklärungen kritisch liest.
Folge 6: Kakekotoba und pivot line
Ein Stilmittel, das dir vor allem in klassischen japanischen Tanka begegnen wird, ist das kakekotoba, auf deutsch auch Türangelwort oder Wortüberlappung genannt.
Das kakekotoba ist ein Wort oder Wortteil mit doppelter Bedeutung, das mit der ihm vorangehenden und der ihm nachfolgenden Aussage in einem unterschiedlichen Sinnzusammenhang steht. Das Tanka erfährt dadurch eine innere Erweiterung: bei gleicher Länge hat es mehr Gehalt und Tiefe. Es verhält sich wie ein changierender Stoff, der mal mehr in der einen, mal mehr in der anderen Farbe schillert, und doch immer beide in sich trägt.
Für diese Stilfigur kommen Homophone in Frage, Wörter die bei gleicher Aussprache unterschiedliche Bedeutungen haben. Die japanische Sprache wimmelt von solchen Begriffen. Ein Beispiel: Die Schriftzeichen für die Baumart "Kiefer" und das Verb "warten" unterscheiden sich, aber beide werden "matsu" ausgesprochen. Ist "matsu" in der Lautsilbenschrift hiragana geschrieben, die Gleichlautendes tatsächlich gleich abbildet, fließen beide Bedeutungen in die Aussage des Tanka ein, ohne den Leser zu irritieren. Ein Tanka kann sogar mehrere kakekotoba enthalten (siehe Beispiel).
Im Deutschen verhält es sich anders. Wörter wie "sieben" (Zahl und Verb) und Wortpaare wie "Meer" und "mehr", sind dünn gesät. Die Auswahl brauchbarer Wortüberlappungen ist klein; die Chancen sie unaufdringlich einzubinden, stehen schlecht. So lässt sich "Lärche" nun mal nicht so schreiben, dass es gleichzeitig als "Lerche" zu lesen ist. Die festere deutsche Satzstruktur ist eine weitere Hürde. Zudem nehmen viele Wörter im Gebrauch eine andere grammatische Form an, die sich nicht mit der erwünschten zweiten Lesart verträgt.
Du wirst diese Stilfigur also kaum mal eins zu eins in deutschen (oder englischen) Tanka umgesetzt sehen. Für einen halbwegs vergleichbaren Effekt greifen westliche Autoren zu Gestaltungsmittel wie Zeugma, Syllepse und Apokoinu. In der englischsprachigen Tanka-Szene spricht man von einer pivot line (pivot = Drehpunkt). Das ist eine ganze Zeile, häufig Zeile c, die dann zusammen mit a und b einen Sinn ergibt, aber auch zusammen mit d und e. Das Tanka wird dadurch in Schwingung versetzt.
Bei diesem Stilmittel funkt die deutsche Grammatik ebenfalls ab und an dazwischen. Das erfolgreiche Nebeneinander zweier Lesarten in meinem niederländischen Tanka (1)
een vlucht ganzen / deelt klapwiekend de nacht / in korte dromen / rukt de wind aan m'n lijf / roep ik telkens je naam
ist in der Übertragung am Dativ in Zeile c gescheitert:
Wildgänse teilen / mit ihren Schwingen die Nacht / in kurze Träume –
zerrt der Wind an meinem Leib, / rufe ich deinen NamenWildgänse teilen / mit ihren Schwingen die Nacht; /
in kurzen Träumen / zerrt der Wind an meinem Leib, / rufe ich deinen Namen
Ich habe mich letztlich für die zweite Fassung entschieden. Wäre die Wortüberlappung gelungen, hätte ich das Semikolon in Zeile b gestrichen. Gestaltungsmittel können andererseits die Grammatik außer Kraft setzen: Der Text fällt aus der Konstruktion und öffnet sich neuen Deutungen:
Meine Hände
die kraftlosen nutzlosen
lange betrachtend
sind's die alten Lieder
aus denen sie schöpfenIngrid Kunschke (2)
Die pivot line im folgenden Tanka (3) überzeugt um so mehr, weil der Charakter dieser Stilfigur dem Thema entspricht:
Kamst nicht mit
von Berlin nach Berlin
mein Freund
die Akten sagen
du warst keinerGerd Börner
Hier steht "mein Freund" nicht von ungefähr in der Mitte. "War er ein Freund, war er's nicht?": Das ist schließlich die zentrale Frage. Die Zeile verhält sich wie ein Wackelbild, das mal wohlgesonnen, mal grimmig dreinschaut; der Freund wird als janusköpfig entlarvt. Zeile b erzeugt ebenfalls ein doppeltes Bild. Die schlichte Wiederholung von "Berlin" erinnert eindringlicher an die Spaltung der Stadt, als es die Erwähnung von Ost und West vermocht hätte.
Ein Tanka muss kein Türangelwort, keine pivot line enthalten, um ein gutes Tanka zu sein, und der Angelpunkt eines Tanka kann an jeder anderen Stelle liegen, nicht nur in Zeile c. In diesem Tanka von Udo Wenzel (4) spielt die erste Zeile eine tragende Rolle:
Blatt für Blatt
kehrt in den Garten
das Licht zurück,
lese ich sorgenvoll
den Befund.Udo Wenzel
Die Zeilen a, b und c kannst du zusammen lesen, aber auch a, d und e.
Allen Beispielen gemein ist die Tatsache, dass die Aussage der Tanka durch eine geschickte Einsparung erweitert wurde. Erlaubt ist, was funktioniert. Und was natürlich und ohne Aufhebens kommt, funktioniert oft am besten. Wenn Stilmittel zu sehr Zierat sind, sich zu sehr in den Vordergrund stellen, verfehlen sie ihr Ziel. Um so besser sie aber zur Thematik passen, um so mehr Wirkung entfalten sie.
Fußnoten
- 1 World Haiku Review Volume 5 Issue 1, 2005
- 2 Ibid.
- 3 Haiku Heute September 2006
- 4 Haiku Heute September 2006
Mehr lesen
- Ein Abschnitt zur pivot line in Der Geschmack des Tanka
Erstellt am 17.06.2009 ~ Zuletzt geändert am 24.05.2010